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Jüdische Musik : Zurück zu den arabischen Wurzeln

Die Enkel der Mizrachim: Inbal Djamchid mit ihrer Band in Jerusalem Bild: Quique Kierszenbaum

Für etliche Israelis gehört arabische Musik immer noch zur Kultur des Feindes. Trotzdem wird sie im Land populärer - und oft hebräisch betextet. Sogar der Armeesender spielt die Stücke.

          Die schwüle Nacht am Nil geht ihrem Ende entgegen. „Wir haben genug über die Liebe gesprochen“, singt eine Frauenstimme ungeduldig. Klagend setzt eine Geige ein, dann das Cello. Die melancholische Arie dauert fast eine halbe Stunde. Bis zum Schluss bleibt offen, ob Umm Kulthum und ihr Liebhaber noch zueinanderfinden, bevor über Kairo die Sonne aufgeht. Wenn Umm Kulthum sang, strömten in der arabischen Welt die Menschen vor die Radio- und Fernsehgeräte. Als die ägyptische Diva vor vierzig Jahren starb, gaben ihr Hunderttausende das letzte Geleit. Arabischer kann die Musik kaum sein, die die jungen Musiker auf der Kellerbühne spielen – und das mitten in Jerusalem zu einem hebräischen Text.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Mit ihrer Komposition kehren Inbal Djamchid und ihr Freund, der Gitarrist Gilad Vaknin, zu ihren eigenen Wurzeln zurück: Die Familie der Sängerin stammt aus Iran und aus Marokko. Aus dem nordafrikanischen Land wanderten auch die Großeltern Vaknins in Israel ein. Sie sind „Mizrachim“: So werden die Juden genannt, die aus arabischen und muslimischen Ländern stammen. Doch in Israel gaben die aschkenasischen Juden aus Europa und Amerika jahrzehntelang politisch wie musikalisch den Ton an. „Arabische Musik gehört für viele Israelis immer noch zur Kultur des Feindes. Trotzdem wird sie in Israel populärer. Kein Wunder, denn mehr als die Hälfte ist nichteuropäischer Herkunft“, sagt die junge Sängerin.

          Israel kommt musikalisch im Nahen Osten an

          Die dritte Mizrachi-Generation besinnt sich auf ihr Erbe und findet musikalisch im ganzen Land immer mehr Anklang. Aus den Lautsprechern der Taxis und Bars tönen überall orientalisch klingende Lieder. Oft merkt man erst nach einer Weile, dass die Worte nicht arabisch, sondern hebräisch sind. Selbst der Armeesender spielt längst ihre Stücke, zu denen aschkenasische Juden auf ihren Hochzeiten begeistert tanzen. Fast siebzig Jahre nach seiner Gründung kommt Israel musikalisch im Nahen Osten an. Mehr als 800.000 Juden aus arabischen Staaten und Iran ließen sich bis 1978 in Israel nieder. Sie fühlten sich nicht willkommen. Bis heute wurde keiner dieser Israelis Regierungschef.

          Dafür füllen ihre Sänger die größten Säle. Musik ist für viele Enkel der mizrachischen Einwanderer die einzige Brücke zur Vergangenheit ihrer Familie. Sie sprechen nur Hebräisch. Arabisch und Farsi sind Fremdsprachen für sie. „Als ich siebzehn Jahre alt war, wurde meine Großmutter dement. Sie vergaß ihren hebräischen Wortschatz und redete bis zu ihrem Tod nur noch Arabisch. Ich konnte sie nicht mehr verstehen“, sagt Almog Behar. Die Familie seiner Mutter floh Anfang der fünfziger Jahre aus Bagdad. Damals waren ein Viertel der Einwohner der irakischen Hauptstadt jüdisch. In Israel kam die Familie des jungen Schriftstellers in ein Auffanglager an der Küste. Als seine Mutter zehn Jahre alt war, kam ihr Lehrer vorbei: Er verbot den Eltern, mit ihrer Tochter Arabisch zu sprechen. Almog Behar hatte später immer wieder mit der Polizei zu tun. Wegen seines Aussehens hielten ihn die Polizisten für einen Palästinenser und kontrollierten ihn, obwohl er kein Wort Arabisch konnte.

          Das große historische Vorbild: die ägyptische Sängerin Umm Kulthum

          Als Student begann Almog Behar, die Sprache seiner Vorfahren zu lernen. „Ich wollte wissen, was wir alles verloren haben“, sagt der 37 Jahre alte Dichter. Auf einmal waren ihm seine Nachbarn ganz nahe. Die Sprache öffnete ihm Türen im arabischen Osten Jerusalems, in den Palästinensergebieten und im Nachbarland Ägypten. Kairo und die Sängerin Umm Kulthum faszinieren ihn besonders. Almog Behar schrieb auf Hebräisch das Gedicht, das Inbal Djamchid vertonte. Demnächst erscheint in Kairo auf Arabisch eine Übersetzung seines ersten Romans. „Die Verbindungen zur arabischen Welt sind Teil unserer Identität. Aber solange Araber für die Israelis Feinde bleiben, werden wir Mizrachis das auch zu spüren bekommen“, befürchtet der israelische Dichter. Dieser Rassismus werde wohl erst zu Ende sein, wenn der Konflikt mit den Palästinensern beigelegt ist. Trotzdem setzt er sich schon heute dafür ein, dass alle israelischen Schüler Arabisch lernen.

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