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Anschlag : Warum immer wieder Terror in Pakistan?

Am Tag danach: Blick auf den Park, in dem sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Bild: dpa

Die Taliban haben sich zu einem der schlimmsten Anschläge auf Christen in Pakistan bekannt. Das Land hat die Bedrohung durch den islamistischen Terror erkannt – tut sich aber schwer, die religiöse Minderheit zu schützen.

          Der Attentäter zündete die Bombe ganz in der Nähe des Spielplatzes, bei den Schaukeln. Er nahm also mindestens willentlich in Kauf, wenn er nicht gar darauf abzielte, dass viele Kinder unter den Opfern sein würden. Der Gulshan-e-Iqbal-Park im pakistanischen Lahore war an diesem Sonntag gut besucht. Gekommen waren auch viele Christen, die hier nach dem Gottesdienst mit ihren Familien das Osterfest feierten.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Mehr als 70 Menschen wurden getötet und mehr als 340 weitere zum Teil schwer verletzt, als ein Selbstmordattentäter sich am Sonntagabend mit zwölf Kilogramm Sprengstoff inmitten nach Hause strebender Parkbesucher in die Luft sprengte. 25 Kinder waren nach offiziellen Angaben unter den Todesopfern. Es war der folgenschwerste Anschlag in Pakistan seit dem Angriff auf eine Armeeschule in Peschawar im Dezember 2014 mit mehr als 130 Toten.

          Eine Splittergruppe der Taliban, die Jamaat ul Ahrar, bekannte sich zu dem Angriff und erklärte, Ziel seien Christen gewesen. Zudem sei das Attentat eine „Botschaft an die Regierung, dass sie uns nicht einmal in ihrer Hochburg Lahore abschrecken kann“, sagte ein Sprecher der Extremisten gegenüber mehreren Medien. Lahore ist die Hauptstadt der nordöstlichen Provinz Punjab und die politische Heimat von Ministerpräsident Nawaz Sharif. Sein Bruder Shahbaz Sharif ist Regierungschef der Provinz. Im Vergleich zu anderen Regionen des Landes ist die moderne Sieben-Millionen-Metropole Lahore bislang nur selten das Ziel großer Anschläge gewesen.

          Militär und Regierung zogen erstmals an einem Strang

          Ministerpräsident Sharif bezeichnete den Angriff am Montag als feige Reaktion auf die Erfolge seiner Regierung in der Terrorismusbekämpfung. Er bekräftigte den Willen seiner Regierung, „nicht nur die Infrastruktur des Terrors zu zerstören, sondern auch die extremistische Geisteshaltung, die unsere Lebensweise bedroht“. Nach dem Blutbad in der Armeeschule Ende 2014 hatte eine All-Parteien-Konferenz sich auf einen Nationalen Aktionsplan gegen den Terrorismus verständigt, der nicht nur Sicherheitsmaßnahmen beinhaltete, sondern auch eine Regulierung der Koranschulen, von denen einige seit Jahrzehnten als Brutstätten des Extremismus bekannt sind – so war auch der Attentäter vom Sonntag ein Religionslehrer aus einer Koranschule.

          Nach dem Aktionsplan wurden zudem Hassreden unter Strafe gestellt, und die Liste der verbotenen extremistischen Gruppierungen wurde um einige einflussreiche Organisationen erweitert. Erstmals, so war nach dem Peschawar-Attentat vielerorts zu hören, zogen das Militär, die eigentliche Macht im Staate, und die Regierung an einem Strang. Tatsächlich ging die Zahl der Anschläge im vergangenen Jahr deutlich zurück. Viele sprachen von einem Wendepunkt – wenngleich der Aktionsplan nicht so konsequent umgesetzt wurde, wie die liberalen Kräfte in Pakistan es sich gewünscht hätten. Prominente Hassprediger verbreiten nach wie vor ungehindert ihre Botschaften, und manche verbotene Extremistengruppe lässt ihre Anhänger ungehindert in den Großstädten des Landes aufmarschieren.

          Familien trauern um Angehörige.

          Das pakistanische Extremismusproblem ist hausgemacht. Nach der Teilung von Indien 1947 definierte sich der junge Staat als Hüter des Islams und Gegenentwurf zu Indien; islamistisches Gedankengut wurde in den Schulen gelehrt; Generationen pakistanischer Soldaten wurde eingeimpft, dass sie ihre Religion gegen Indien verteidigen müssten; erst seit wenigen Jahren gesteht die Armeeführung ein, dass der islamistische Terror eine existenzielle Bedrohung für das Land ist. Militante islamistische Gruppen wurden vom Militärgeheimdienst ISI gezielt als Instrument der Außenpolitik im Kaschmirkonflikt und in Afghanistan eingesetzt.

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