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Krankenhaus in Kundus : Eine folgenreiche Verwechslung

Verwüstet: Das Krankenhaus in Kundus nach dem Angriff Bild: Friederike Böge

Der Luftangriff auf ein Krankenhaus im afghanischen Kundus galt eigentlich einem anderen Ziel. Der offizielle Ermittlungsbericht zeichnet ein Bild von technischen Pannen und menschlichem Versagen.

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          Spätestens, als die Soldaten die Zielkoordinaten in ihr Feuerleitsystem eingaben und feststellten, dass sich auf dieser Position keineswegs das vorgegebene Angriffsziel befand, hätten ihnen Zweifel kommen müssen. Denn nicht auf das Gebäude des afghanischen Geheimdienstes in Kundus, in dem sich möglicherweise Taliban-Kämpfer verschanzt hatten, richtete sich das Leitsystem aus – sondern auf ein offenes, menschenleeres Feld. Wie sich später herausstellen sollte, lag dies 300 Meter entfernt vom eigentlichen Ziel. Doch statt den Angriff in diesem Moment abzubrechen, verließ sich die amerikanische Besatzung des Erdkampfflugzeugs vom Typ AC-130 auf die „visuelle Beschreibung“, die afghanische Spezialkräfte von dem Geheimdienstgebäude gegeben hatten – und nahm das „dem Feld am nächsten gelegene, größte Gebäude“ ins Visier, dass „annähernd mit der Beschreibung übereinstimmte“: Wie sich später herausstellte, war dies das Krankenhaus der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Kundus.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          „Annähernd übereinstimmte“ – mit diesen Worten umschrieb der Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen und der internationalen Militärmission in Afghanistan, General John Campbell, am Mittwochabend in Kabul eine von vielen verheerenden Fehlentscheidungen, die vor knapp zwei Monaten in Kundus dreißig Menschen das Leben kosteten: Ärzte, Krankenpfleger und Patienten. Campbell stellte die Ergebnisse eines Untersuchungsberichts des Pentagons zu den Ereignissen vom 3. Oktober vor, den das Ministerium als Verschlusssache eingestuft hat. Detailreich beschrieb der General eine ganze Kette von Versäumnissen, Fehleinschätzungen und technischen Defekten, die zu dem „tragischen, aber vermeidbaren Unfall“ geführt hätten. Zentrale Fragen nach Verantwortlichkeiten und der Legalität des Einsatzes ließ er aber unbeantwortet. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ kritisierte die Ausführungen als „ungenügend“ und bekräftigte die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung.

          Laut Campbell wurde die Besatzung des Erdkampfflugzeugs weder über die Lage im Einsatzgebiet unterrichtet, noch erhielt sie wie sonst üblich eine sogenannte No-Strike-Liste, auf der geschützte Orte verzeichnet sind. Darauf ist die Klinik von „Ärzte ohne Grenzen“ eindeutig vermerkt, da die Organisation die Koordinaten ihrer Einrichtungen regelmäßig an alle Kriegsparteien übermittelt. Grund für dieses Versäumnis war laut Campbell ein vorgezogener Abflug aufgrund einer Gefechtssituation, in der die AC-130 dann aber doch nicht zum Einsatz kam. Auf dem Flug nach Kundus sei dann ein technischer Defekt festgestellt worden, der eine Übermittlung von Videomaterial und E-Mails unmöglich machte, so dass die Kommunikation mit dem operativen Hauptquartier am Luftwaffenstützpunkt Bagram nur eingeschränkt möglich war. Dies, so Campbell, habe später zur „Verwirrung beigetragen“.

          Auch die fehlerhafte Zielerfassung war demnach auf technische Probleme zurückzuführen. Denn die Koordinaten, die afghanische Elitesoldaten an den Kommandeur der in Kundus stationierten amerikanischen Spezialkräfte übermittelt hatten, waren korrekt. Der Grund für die Abweichung, so Campbell, war die große Entfernung des Flugzeugs von Kundus; der Pilot war ausgewichen, weil „die Besatzung annahm, dass sie von einer Rakete anvisiert wurde“. Obwohl das Leitsystem später die Position des Angriffsziels wieder korrekt angab, „blieb die Besatzung fixiert auf die physische Beschreibung des Gebäudes und hielt sich nicht an die Koordinaten“, sagte Campbell. So blieb es die gesamten 29 Minuten, die der Angriff nach Angaben des Pentagons dauerte. Ausgewirkt habe sich auch, so Campbell, die „Müdigkeit“ der Spezialkräfte am Boden, die zu diesem Zeitpunkt „fast fünf Tage und Nächte in Folge in heftige Gefechte verwickelt waren“.

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