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Amerika gegen China : Die Cyberkrieger von Schanghai

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Amerika gibt Spionage zum Zweck der Sicherheit zu, leugnet aber Wirtschaftsspionage - wie es sie China vorwirft. Peking verweist auf Snowden und bezichtigt Washington der Heuchelei. Die Beziehungen sind auf einem Tiefpunkt.

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          Fünf Offiziere der chinesischen Volksbefreiungsarmee steckbrieflich vom amerikanischen FBI gesucht – das ist ein Schlag ins Gesicht Chinas, den die chinesische Führung so schnell nicht vergessen wird. Die erste Reaktion Pekings war erbost. Der amerikanische Botschafter in Peking, Max Baucus, wurde einbestellt. Die Vorwürfe seien unbegründet und beruhten auf erfundenen Fakten, dahinter stünden böswillige Absichten, wurde ihm bedeutet.

          Die Regierung, das Militär und sein Personal seien nie am Cyberdiebstahl von Unternehmensgeheimnissen beteiligt gewesen, hieß es in einer Stellungnahme des chinesischen Außenministeriums. China warf seinerseits den Vereinigten Staaten Cyberspionage gegen die Volksrepublik vor und veröffentliche Angaben über Attacken auf chinesische Ziele aus den Vereinigten Staaten. Die chinesische Regierung setzte aus Protest die Teilnahme an der erst vor kurzem gegründeten amerikanisch-chinesischen Cyberarbeitsgruppe aus, in der sich beide Staaten um eine Klärung der gegenseitigen Vorwürfe bemühen wollten.

          Es ist schon mehr als ein Jahr her, dass amerikanische Spezialisten für Computersicherheit Cyberangriffe auf amerikanische Unternehmen auf ein unauffälliges zwölfstöckiges Bürogebäude in einem Vorort von Schanghai zurückverfolgten. Dort residiert die „Einheit 61398“ der chinesischen Volksbefreiungsarmee, deren offizieller Titel etwas umständlich als das „Zweite Büro der dritten Abteilung des Generalstabs der Volksbefreiungsarmee“ angegeben wird. Das Gebäude ist nicht als Armeeeinheit gekennzeichnet, wird aber von Soldaten bewacht.

          Nach amerikanischen Erkenntnissen ist „61398“ eine Computerspezialeinheit, deren Hacker-Aktivitäten Unternehmen und Organisationen in den Vereinigten Staaten und Kanada zum Ziel haben. Sie soll mehrere hundert bis 1000 Mitarbeiter haben, Rekrutiert würden Computerfachleute mit besonders guten Englisch-Kenntnissen. In China ist „61398“ wie alle Armeeeinheiten geheim, und eine öffentliche Diskussion ihrer möglichen und tatsächlichen Aktivitäten ist verboten.

          Die Einsichten der Vereinigten Staaten stützen sich vornehmlich auf eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie des Computersicherheitsdienstleisters Mandiant, der über sechs Jahre die Aktivitäten der chinesischen Hacker verfolgt hat. Mandiant bezeichnet in seinem Bericht die Einheit als „Advanced Persistent Threat 1“ und kommt zu dem Schluss, dass die Computer-Hacker zu den chinesischen Streitkräften gehören oder für deren Vertragspartner arbeiten.

          Jetzt will die amerikanische Regierung Beweise dafür haben, dass genau identifizierte Angehörige der Volksbefreiungsarmee die Unternehmen Alcoa, Westinghouse, Allegheny Technologies, US Steel, SolarWorld sowie die amerikanische Stahlgewerkschaft ausspioniert haben und dabei mit dem Ziel, wirtschaftliche Vorteile zu erreichen, auf geheime Firmeninformationen und interne Kommunikation zugegriffen hätten. Davon hätten vor allem Chinas große Staatsunternehmen profitiert, sagte der amerikanische Justizminister Eric Holder.

          Schon bei der Veröffentlichung des Mandiant-Berichts im Februar vergangenen Jahres hatte die chinesische Regierung die Vorwürfe dementiert. Sie wies vor allem darauf hin, dass sie selbst ein Opfer von Cyberspionage aus den Vereinigten Staaten sei. Damals bewahrten dann die Enthüllungen des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden über die Spionage der NSA die chinesische Regierung zunächst vor einem harten Vorgehen Washingtons. Doch jetzt legt die amerikanische Regierung nach.

          Die Vereinigten Staaten geben seither Spionage zum Zweck der Sicherheit zu, leugnen aber Wirtschaftsspionage, wie sie sie China vorwerfen. Chinesische Kommentatoren und Blogger verweisen auf Snowden und bezichtigen die Vereinigten Staaten der Heuchelei; die Supermacht messe mit zweierlei Maß. Einige Internetnutzer forderten, China solle jetzt Anklage gegen amerikanische Hacker erheben.

          Die ohnehin gespannten amerikanisch-chinesischen Beziehungen wird die Anklage aus Amerika weiter belasten. Vorsichtige Versuche der Vertrauensbildung, besonders zwischen den Militärs beider Seiten, werden durch die Cyber-kontroverse wieder zurückgeworfen. China sieht sich von einer Eindämmungsstrategie der Vereinigten Staaten bedroht und sieht überall die Hand der Supermacht, sei es im Konflikt mit Japan, sei es im Südchinesischen Meer, selbst hinter den Unruhen in Xinjiang vermutet China amerikanische Unruhestiftung.

          Es ist kaum denkbar, dass auf die Veröffentlichung der Steckbriefe eine Auslieferung der Beschuldigten folgen wird. Die amerikanische Regierung muss jetzt aber damit rechnen, dass die Zusammenarbeit mit Peking in anderen internationalen Fragen noch schwieriger wird. China wird sich in seinen Bemühungen bestärkt sehen, eigene Strukturen der Sicherheit in Ostasien ohne die Vereinigten Staaten aufzubauen.

          Die Nachricht von der Anklage erreichte China just am Abend, bevor Präsident Xi Jinping in Schanghai mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammentraf und gemeinsam mit ihm an einer Auftaktzeremonie eines russisch-chinesischen Seemanövers teilnahm. An diesem Mittwoch wird Xi Jinping in Schanghai die von China geleitetete „Konferenz für Austausch und vertrauensbildende Maßnahmen“ mit einer Grundsatzerklärung zur asiatischen Sicherheit eröffnen.

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