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Gewalt gegen Blogger : Banges Warten auf den nächsten Mord

Wollen sich den Mördern nicht beugen: Demonstranten gedenken dem getöteten Aktivisten Avijit Roy. Bild: dpa

Blogger und Aktivisten sind in Bangladesch ins Visier von Islamisten geraten. Die Regierung beschützt sie nicht – sondern bezichtigt die Opfer, den Islam zu verunglimpfen.

          8 Min.

          Wie giftige Kerne spuckt Asif Jebtik seine Worte über den Shabag-Platz in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Die Stimme des Bloggers quillt ratternd aus dem Mikrofon, das vor ihm auf dem Asphalt steht. „Wir stehen nicht auf der Seite der Regierung, wir stehen auf der Seite des Volkes“, ruft er. Seine Stimme, die von zwei Lautsprechern verstärkt wird, übertönt sogar das Hupen der Autos und Busse, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Weg zwischen Fußgängern und Fahrradrikschas suchen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Auf dem staubigen Asphalt sitzt rund ein Dutzend Demonstranten, die Plakate an ihre verschränkten Beine gelehnt haben. Andere halten ein großes Banner hoch. An diesem Tag protestieren sie gegen ein neues Gesetz, mit dem die Redefreiheit ihrer Meinung nach stark eingeschränkt wird. „Wenn du etwas schreibst, was der Regierung nicht passt, können sie dich festnehmen“, sagt Asif Jebtik.

          Der Blogger ist seit Jahren in der Shahbag-Bewegung aktiv, die nach ihrem Versammlungsort, dem Shahbag-Platz, benannt ist. An den von den Internetautoren initiierten Protesten hatten sich im Jahr 2013 anfänglich Hunderttausende Aktivisten, Studenten und Schüler beteiligt. Sie forderten ein Verbot der islamistischen Partei Jamaat-e-Islami und die Höchststrafe für Islamisten, gegen die damals ein nationales Kriegsverbrechertribunal wegen des Vorwurfs der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Völkermords im Unabhängigkeitskrieg von 1971 ermittelte. Einige von ihnen waren hohe Funktionäre der Jamaat-e- Islami.

          Auf der Todesliste der Islamisten

          Die Shahbag-Bewegung hatte anfangs Hoffnungen auf einen politischen „Frühling“ in Bangladesch geweckt. Doch das ist lange her, und seither ist viel passiert. Der Jamaat-e-Islami wurde der Status als Partei entzogen, und sie darf nun nicht mehr an Wahlen teilnehmen. Die meisten Kriegsverbrecher wurden gehängt. Insofern hat die Shahbag-Bewegung einige ihrer Ziele erreicht. Es hatte sich aber auch eine Gegenbewegung gebildet. Die Islamisten hatten die Todesstrafe für die „atheistischen“ Blogger gefordert, denen sie „Blasphemie“ vorwarfen. Seither gab es eine ganze Serie von Morden, die jene Bangladescher, die einen liberalen und säkularen Staat wollen, zutiefst erschüttert hat.

          Auch Asif Jebtik fürchtet um sein Leben. Auf einer der Todeslisten, die von Islamisten verbreitet wurden, steht der Name des Bloggers an zweiter Stelle. „Die Nummer eins ist schon tot, deshalb steht nun mein Name an erster Stelle“, sagt Jebtik. Nach seiner Rede läuft er vom Protestplatz zum Gelände einer Bibliothek. Der Shahbag-Platz liegt im Umkreis mehrerer Universitäten. Einer der Studenten blickt ihm auf dem Weg direkt ins Gesicht, als ob er ihn erkennen würde. Asif Jebtik schaut nervös zurück. „Ich muss ihnen in die Augen sehen, um ihre Intentionen zu erraten, ob sie Gutes oder Böses im Schilde führen“, sagt der Blogger.

          Etwa zehn Blogger, Autoren und Verleger sind seit 2013 von unbekannten Angreifern ermordet worden. Die meisten wurden mit Macheten zu Tode gehackt. Später nahmen die Täter auch andere Ziele ins Visier. Unter den Ermordeten waren Ausländer, Hindus und Buddhisten, liberale Professoren sowie ein Schwulenaktivist. Sie wurden auf offener Straße oder in ihrer Wohnung ermordet.

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