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Afghanistan : Karzais Wahlpoker

Idol: Ein Foto Karzais in der Brusttasche der kugelsicheren Weste eines afghanischen Soldaten Bild: Anja Niedringhaus/AP

Nach mehr als zwölf Jahren Amtszeit tritt der afghanische Präsident ab. Um seine Macht und die Interessen seiner Familie zu sichern, verhandelt er mit möglichen Nachfolgern.

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          Was wurde Präsident Karzai nicht alles zugetraut und nachgesagt. Er werde die Verfassung ändern, um sich eine weitere Amtszeit zu ermöglichen, mutmaßten viele. Er werde Chaos stiften, um die Wahlen auf unbestimmte Zeit verschieben zu können und sich so an der Macht zu halten. Er werde eine Marionette ins Rennen um die Präsidentschaft schicken und deren Sieg durch massive Eingriffe in den Wahlprozess sichern. Am kommenden Samstag wird gewählt, und nichts davon hat sich – bislang – bewahrheitet. Es gilt sogar als möglich, dass der frühere Außenminister Zalmai Rassoul, der allgemein als Kandidat von Karzais Gnaden gilt, schon an der ersten Wahlrunde scheitert.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Der Präsident, so ist in Kabul zu hören, habe sich in kleiner Runde mehrfach verärgert über Rassoul geäußert, weil dieser im Wahlkampf passiv und farblos blieb. Aus Karzais Umfeld ist der Satz verbürgt: „Manch ein Kandidat hat noch gar nicht gemerkt, dass er einer ist.“ Es heißt, bei Karzais Verbündeten mache sich zunehmend Nervosität breit, sie fürchteten um ihre Privilegien und Geschäftsinteressen. Nun hat die Wahlbeschwerdekommission Rassoul sogar mit einer symbolischen Geldstrafe von umgerechnet 3700 Euro gedemütigt, weil er lokale Regierungsvertreter dafür bezahlt haben soll, dass sie möglichst viele Menschen zu seinen Wahlkampfveranstaltungen brachten. Nach einer Wählerumfrage der afghanischen Analysefirma ATR, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde, liegt Zalmai Rassoul abgeschlagen auf Platz drei mit nur acht Prozent der Stimmen. Hat Hamid Karzai sich womöglich verspekuliert?

          Noch ist das Rennen vollkommen offen. Umfragen spiegeln in Afghanistan nur einen Teil der Realität wider. „Wähler stimmen nicht unbedingt so ab, wie sie es in Umfragen gesagt haben. Und das Wahlergebnis ist auch nicht so, wie gewählt wurde“, sagt Martine van Bijlert, Ko-Direktorin des Analyseinstituts Afghanistan Analysts Network in Kabul. In vielen Regionen des Landes wird kollektiv abgestimmt. Lokale Führer verkaufen die Stimmen ihrer Untergebenen gegen Geld und Regierungsposten im voraus an Zwischenhändler. Zudem ist noch offen, in welchem Ausmaß die Wahlen diesmal gefälscht werden. Dass es zu Betrug kommt, gilt als ausgemacht. Schon deshalb, weil nach Schätzungen mehr als 30 Prozent mehr Wählerkarten „auf dem Markt“ sind als es Wahlberechtigte gibt. Die Kartennummern werden genutzt, um in unsicheren Gebieten, in die sich keine Wahlbeobachter trauen, massenhaft falsche Stimmzettel zugunsten eines Kandidaten in die Urnen zu stecken. Sicherlich könnte Karzai über seine Netzwerke darauf hinwirken, den Stimmanteil Rassouls auf diese Weise nach oben zu bringen. Das wäre aber riskant, denn allzu auffällige Manipulation würde den Kandidaten diskreditieren. Zumal alle führenden Kandidaten Verbündete in der Regierung haben, so dass auch andere die Möglichkeit zur Manipulation haben.

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