https://www.faz.net/-gq5-7cj04

Afghanistan : Holt mich raus, ich sterbe!

  • -Aktualisiert am

„Das grenzt an unterlassene Hilfeleistung“

In einer Stellungnahme gegenüber der F.A.S. erklärte das Bundesverteidigungsministerium, zum damaligen Zeitpunkt habe die Zuständigkeit für die Sicherheit in Kundus schon bei den afghanischen Sicherheitskräften gelegen. Sie hätten die Deutschen nur gebeten, sich für den Fall eines weiteren Angriffs in Bereitschaft zu halten. Für den Kommandeur, teilte das Ministerium mit, habe daher keine Notwendigkeit zum Eingreifen bestanden.

Ein ehemaliger ranghoher General der Bundeswehr hält diese Erklärung für dürftig. „Ein deutscher Staatsbürger ruft am Ende der Welt die drei Kilometer entfernte Bundeswehr um Hilfe, und deren Kommandeur fühlt sich nicht zuständig?“, sagt er. „Das grenzt an unterlassene Hilfeleistung.“ Ein schwerer Vorwurf, der sich nicht allein an den Kommandeur richtet. Der frühere General vermutet, der Oberst in Kundus sei von seinen Vorgesetzten in Mazar-i-Sharif und in Deutschland am Eingreifen gehindert worden, so wie es das im Laufe des Afghanistan-Einsatzes häufig gegeben habe. „Die wollten aus politischen Gründen keine toten oder verwundeten Soldaten riskieren, nur um einen deutschen Söldner zu retten.“

Auf F.A.S.-Anfrage hieß es dazu aus dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr, über einzelne Telefongespräche der Truppführer vor Ort bestehe keine zu protokollierende Dokumentationspflicht. Eine Aussage, ob der damalige Kommandeur in Kundus das Regionalkommando in Mazar-i-Sharif in seine Entscheidungsfindung eingebunden hatte, könne daher nicht getroffen werden. Der antwortende Presseoffizier des Einsatzführungskommandos hätte dazu allerdings nur seinen ranghöchsten Vorgesetzten im Kommando fragen müssen. Der führte damals das Regionalkommando in Mazar-i-Sharif.

„Tapfere Helden“

Das Einsatzprotokoll der Gefechtszentrale aus jener Nacht steht im Widerspruch zum Bericht eines Augenzeugen. In dem Protokoll heißt es lediglich, eine unbekannte Person habe ein einziges Mal in der Gefechtszentrale angerufen und sei von den anwesenden Offizieren als nicht vertrauenswürdige Quelle eingestuft worden.

Als die Amerikaner gegen sieben Uhr morgens schließlich doch einen Eingreiftrupp zum DAI-Büro schickten, hielten sich noch zwei Angreifer in dem brennenden Gebäude auf. Es dauerte weitere drei Stunden, bis sie von afghanischen Sicherheitskräften getötet wurden. Gegen 10 Uhr, fast sieben Stunden nach der Explosion des Fahrzeugs am Tor, war der Angriff zu Ende. Die DAI-Mitarbeiter konnten vom Dach geholt werden, einige von ihnen schwerverletzt. Sie wurden im Rettungszentrum der Bundeswehr behandelt.

Beineckes Leichnam wurde von amerikanischen Soldaten geborgen. Er trug keine Schutzweste und keinen Helm. Mit ihm starben ein britischer Söldner, zwei afghanische Wachleute, ein Polizist sowie die sechs Angreifer. USAid, Development Alternatives Incorporated und Edinburgh International nannten die getöteten Söldner „tapfere Helden“.

Weitere Themen

Pro-Palästinenser-Demo in Berlin Video-Seite öffnen

Nahostkonflikt : Pro-Palästinenser-Demo in Berlin

Rund 200 Unterstützer der Palästinenser marschierten am Samstag bei einer genehmigten Demonstration vom Berliner Hermannplatz zum Oranienplatz. Der 15. Mai ist für Millionen Palästinenser und ihre Unterstützer auf der ganzen Welt auch der Tag der Nakba, was auf Arabisch „Exodus“ bedeutet.

Israels Militär droht Hamas mit gezielten Tötungen

Nahostkonflikt : Israels Militär droht Hamas mit gezielten Tötungen

Israels Raketen zerstören ein Hochhaus mit Journalistenbüros im Gazastreifen. Der Armeesprecher kündigt weitere Angriffe auf die Führungsriege der Hamas an. Iran stellt sich hinter sie. Und US-Präsident Biden telefoniert — mit Israels Regierungschef Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas.

Topmeldungen

Bislang schlug Palmer alle Bitten, von Facebook mal die Finger zu lassen, in den Wind.

Boris Palmer : Und immer wieder lockt Facebook

Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen hat seine Partei schon oft provoziert. Doch dieses Mal ist er zu weit gegangen. Warum?
Abhängig von Energie: Rauchende Schornsteine der ThyssenKrupp Stahlwerke in Duisburg (Archivbild)

Gesetz gegen Erderwärmung : Entzug für das Klima

Deutschland giert nach fossilem Brennstoff wie ein Schnapsbruder nach Likör. Berlin plant jetzt den Radikalentzug. Aber wer zahlt die Rechnung?

Klimapaket : „Jetzt reicht’s!“

Die Industrie will sich nicht länger als Umweltsünder beschimpfen lassen. Hildegard Müller und Karl Haeusgen, oberste Vertreter von Autobranche und Maschinenbau, wehren sich gegen das Klimapaket der Bundesregierung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.