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Afghanistan : Holt mich raus, ich sterbe!

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Schwer verwundet bittet Rouven Beinecke die Bundeswehr um Hilfe - vergeblich
Schwer verwundet bittet Rouven Beinecke die Bundeswehr um Hilfe - vergeblich : Bild: Robert Bochennek

Am 2. Juli 2010, gegen 3.20 Uhr morgens, explodierte vor der Einfahrt des DAI-Gebäudes ein mit mehreren hundert Kilogramm Sprengstoff beladenes Auto. Die Druckwelle riss das Tor aus der Verankerung, ein Teil der Mauer stürzte ein. Ausgerüstet mit Sprengstoffwesten, Handgranaten, Panzerfäusten und Gewehren stürmten die Angreifer das Gelände. Was dann geschah, darüber schweigen sich USAid, Development Alternatives Incorporation und Edinburgh International aus. Anfragen dieser Zeitung wurden nicht beantwortet oder Stellungnahmen abgelehnt.

Recherchen der F.A.S. ergaben, dass die Söldner vom Vorgehen der Taliban überrascht worden sind. Die Angreifer befanden sich schon im Gebäude, als sich ihnen Beinecke gemeinsam mit einem britischen Kollegen und zwei afghanischen Wachleuten entgegenstellte. Es entbrannte eine Schießerei aus nächster Nähe, bei der Beineckes Kollege getötet und er selbst schwer verwundet wurde. Mit den DAI-Mitarbeitern flüchtete er auf das Dach des Gebäudes und rief die ehemaligen Kameraden in der Gefechtszentrale des Feldlagers an.

Der dritte Hilferuf - und der Oberst zögert

Die Bundeswehr-Soldaten nennen die Gefechtszentrale „Bunker“. Im Zentrum des Bunkers befinden sich eine an der Wand angebrachte Lagekarte der Region Kundus sowie Computerarbeitsplätze, die mit Funkgeräten ausgestattet sind. Der Raum ist rund um die Uhr mit mindestens zwei Offizieren besetzt. Die F.A.S. hat mit einem der Soldaten gesprochen, die am 2. Juli im Bunker anwesend waren. Eine Eingreiftruppe könne in 15 Minuten vor Ort sein, antwortete demnach einer der Offiziere am Telefon auf den Hilferuf Rouven Beineckes. Zuvor solle er ihnen aber mehr Informationen über die Lage geben.

Die Bundeswehr schickte eine Aufklärungsdrohne über das Stadtgebiet. Die Aufnahmen ihrer Wärmebildkamera ließen den Schluss zu, dass zwischenzeitlich afghanische Sicherheitskräfte das DAI-Gebäude erreicht hatten. Sie feuerten wahllos mit Gewehren und Panzerabwehrwaffen auf die Etagen, in denen sie die Taliban vermuteten, ohne zu wissen, ob sich dort noch DAI-Mitarbeiter aufhielten. Eine amerikanische Journalistin, die einige Tage später nach Kundus gereist war, um die Ereignisse zu rekonstruieren, äußerte gar den Verdacht, afghanische Polizisten hätten gezielt auf die ausländischen Helfer und das Sicherheitspersonal geschossen. Beinecke meldete sich zum zweiten Mal im Feldlager und sprach von vier Angreifern in Sprengstoffwesten, die versuchten, auf das Dach zu gelangen. Der Zugang zum Dach sei verbarrikadiert, doch er wisse nicht, wie lange sie ihn verteidigen könnten. Die Soldaten vertrösteten ihn abermals.

Dann ging der dritte Anruf im Feldlager ein. Diesmal meldete sich Michael, ein Mitarbeiter der DAI. „Rouven ist tot, und ich bin schwerverletzt“, sagte er. „Wann kommt ihr endlich?“ Die Antwort hätte allein der Kommandeur geben können. Doch der Oberst zögerte. Soldaten, die 2010 mit ihm im Einsatz waren, berichten, er habe seine Entscheidungen stets lange abgewogen. Die Offiziere in der deutschen Gefechtszentrale fragten telefonisch die benachbarten Amerikaner, ob sie eine Eingreiftruppe in die Stadt schicken könnten. Die Antwort kam prompt: „Das ist euer Zuständigkeitsbereich!“

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