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Geheimdienst-Bündnis : Pakistanisch-Afghanische Umarmung

Will die umstrittene Kooperation mit dem Erzfeind Pakistan: Afghanistans Präsident Ashraf Ghani. Bild: AP

Der afghanische Präsident Ghani will eine Zusammenarbeit des eigenen mit dem pakistanischen Geheimdienst. Für viele Afghanen klingt das unglaublich. Widerstand formiert sich auch in den eigenen Reihen.

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          In den Ohren vieler Afghanen klang es, als wolle ihr Präsident den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: Ausgerechnet der pakistanische Militärgeheimdienst ISI, dem die Regierung in Kabul über Jahre vorgeworfen hat, die Taliban nicht nur zu unterstützen, sondern ihnen gar die Anschlagsziele vorzugeben, soll Afghanistan nun im Kampf gegen die Aufständischen helfen. In den vergangenen Tagen unterzeichnete der afghanische Geheimdienst NDS eine Vereinbarung mit dem ISI zur Zusammenarbeit etwa durch Austausch von Informationen und Koordination von Aufklärungsoperationen. Das teilte nicht Kabul, sondern das pakistanische Militär mit.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die afghanische Regierung hatte das „Memorandum of Understanding“ mit dem Erzfeind wohlweislich verschwiegen. Nachdem es an die Öffentlichkeit gelangt war, brach in der afghanischen politischen Elite ein Sturm der Entrüstung los – und zu den größten Kritikern des Papiers zählt ausgerechnet der Chef des afghanischen Geheimdienstes, Rahmatullah Nabi, selbst. Laut lokalen Medienberichten hatte Nabi sich geweigert, die Vereinbarung zu unterzeichnen, so dass sein Stellvertreter seine Unterschrift daruntersetzte.

          Der NDS-Direktor ist dem pakistanischen Sicherheitsestablishment schon lange ein Dorn im Auge. Unter seiner Führung soll der NDS die damalige Nummer zwei der pakistanischen Taliban, Latif Mehsud, als Informanten und potentiellen Verbündeten angeworben haben. Das Ganze war Teil einer Strategie, die Pakistaner mit den eigenen Waffen zu schlagen. Denn während die afghanischen Taliban den afghanischen Staat, nicht aber den pakistanischen Staat – ihren mutmaßlichen Gastgeber – angreifen, verhält es sich mit den pakistanischen Taliban genau umgekehrt.

          Dass Präsident Ashraf Ghani jetzt dennoch die Nähe zum berüchtigten ISI sucht, ist Teil einer riskanten Strategie, die er seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr verfolgt. So hat er mit zahlreichen Gesten versucht, das Vertrauen des pakistanischen Militärs zu gewinnen. Er stattete Armeechef Raheel Sharif einen Besuch in dessen Hauptquartier ab – protokollarisch ein höchst ungewöhnlicher Schritt. Er entsandte erstmals afghanische Soldaten zum Training nach Pakistan, er ordnete Operationen gegen die Verstecke der pakistanischen Taliban im Osten Afghanistans an, und er fuhr die Zusammenarbeit mit Indien zurück. So versucht er die pakistanische Führung zu überzeugen, dass sie ihre strategischen Ziele im Nachbarland – statt mit Hilfe von Terroristen – viel einfacher mit Hilfe der Regierung in Kabul erreichen kann.

          Zweiter Adressat Ghanis sind nach Einschätzung des Afghanistan-Kenners und früheren EU-Diplomaten Michael Semple die Taliban selbst. Der Präsident wolle „die Überzeugung der Taliban erschüttern, dass ihnen dieser Rückzugsraum (in Pakistan) auch weiterhin zur Verfügung steht“ – und sie so an den Verhandlungstisch zwingen, schreibt Semple in einem Beitrag für „Le Monde Diplomatique“.

          Opposition sieht Ausverkauf afghanischer Interessen

          Ghani kann schon erste Erfolge vorweisen: In Qatar fand kürzlich ein informelles Treffen zwischen Vertretern Kabuls und der Dschihadisten statt. Und Pakistans Ministerpräsident Nawaz Sharif hat die afghanischen Taliban erstmals öffentlich scharf kritisiert. Allerdings ist Islamabad berüchtigt für seine Doppelstrategien. Ein Beispiel: Die frühere Nummer zwei der Taliban, Mullah Baradar, in dem Kabul einen Ansprechpartner für Friedensgespräche zu erkennen meinte, wurde 2010 in Pakistan festgenommen. Nach jahrelangen diplomatischen Ränkespielen erhielt eine afghanische Delegation Zugang zu dem Mann, der aber so wirres Zeug geredet haben soll, dass in Kabul gemutmaßt wurde, er sei vom ISI unter Drogen gesetzt worden.

          Ghanis Vorgänger Hamid Karzai äußerte sich am Mittwoch „zutiefst besorgt“ über die Vereinbarung mit dem ISI und verlangte ihre Annullierung. Schon seit einiger Zeit sammelt sich um Karzai eine neue Opposition, die insbesondere Ghanis Pakistan-Politik als Ausverkauf afghanischer Interessen attackiert. Die Weigerung des Geheimdienstchefs, die Kooperation mit dem ISI zu signieren, zeigt aber auch, dass die amtierende Regierung in dieser zentralen Frage tief gespalten ist.

          Derweil haben die Taliban neben der Eskalation auf dem Schlachtfeld auch ihre politischen Aktivitäten verstärkt. Am Mittwoch bestätigte ein Sprecher der Extremisten einen Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim, wonach eine Talibandelegation sich in Teheran mit Vertretern iranischer Sicherheitsbehörden getroffen habe. Der Besuch ist bemerkenswert, weil Iran während der Herrschaft der Taliban zu deren schärfsten Gegnern gehörte. Bei den Gesprächen, so der Sprecher, sei es auch um das Schicksal afghanischer Flüchtlinge und um „regionale Angelegenheiten“ gegangen. Damit unterstrich er, dass sich die Politische Kommission der Taliban schon jetzt für den wahren Repräsentanten des afghanischen Volkes hält.

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