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IS-Kampfbrigaden : Die Angst der Afghanen vor dem unbekannten Feind

Trauermarsch: Opfer des Anschlags auf eine Bankfiliale in Dschalalabad werden am Sonntag im Distrikt Dar-e-Noor zu Grabe getragen. Bild: Reuters

Rückt Afghanistan in den Fokus des IS? Verbündete sollen am Hindukusch einen Anschlag verübt haben – doch Zweifel bleiben.

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          Zumindest für den afghanischen Präsidenten schien es nach dem Anschlag auf eine Bankfiliale mit mehr als 30 Toten und mehr als 100 Verletzten in Dschalalabad keinen Zweifel zu geben. „Nicht die Taliban haben sich zu dem Angriff bekannt, sondern Daesh“, sagte Ashraf Ghani am Samstag im Staatsfernsehen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Daesh ist die Bezeichnung, die in der islamischen Welt für die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) verwendet wird. „Internationale Terroristen sind für tödliche Attacken in Afghanistan verantwortlich und nicht die afghanischen Taliban“, sagte der Präsident. Am Sonntag vereinbarte er bei einem Treffen mit dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani eine engere Kooperation im Kampf gegen den IS.

          Tatsächlich hatten die Taliban das Selbstmordattentat vom Samstag verurteilt und jede Verantwortung von sich gewiesen – was sie allerdings in der Vergangenheit auch bei Anschlägen mit vielen zivilen Toten getan hatten, die die Behörden ihnen anlasteten. Derweil bezichtigte ein pakistanischer selbsternannter Sprecher des IS am Samstag seine Gruppe.

          Taliban schließen sich IS an

          Er war zuvor als Sprecher der pakistanischen Taliban entlassen worden, weil er dem IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi die Treue geschworen hatte. Sollte das Selbstmordattentat von Dschalalabad, bei dem sich der Täter inmitten von wartenden Bankkunden in die Luft gesprengt hatte, tatsächlich auf das Konto von IS-Verbündeten gehen, wäre das der erste große Anschlag dieser Art.

          In den vergangenen Wochen hatte es in Afghanistan und im benachbarten Pakistan immer wieder Berichte über lokale, marginalisierte Taliban-Kommandeure gegeben, die sich dem IS angeschlossen haben sollen. Der amerikanische Sender CNN hatte Ende März zudem ein Video veröffentlicht, das einen afghanischen Syrien-Rückkehrer zeigen soll, der offenbar versuchte, Kämpfer für den „Islamischen Staat“ in Syrien zu rekrutieren.

          Über eine konkrete Zusammenarbeit mit IS-Strukturen im Irak oder in Syrien wurde darüber hinaus nichts bekannt. Ideologisch aber scheinen die militärischen und propagandistischen Erfolge des IS die Führungskrise der Taliban beschleunigt zu haben. Der mutmaßliche Taliban-Führer Mullah Omar ist seit 14 Jahren nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten, weder in Video- noch in Audiobotschaften hat er sich zu erkennen gegeben.

          IS bestimmt politische Debatte

          Fachleuten zufolge hatte dies unter Taliban-Kämpfern zu Unmut geführt, insbesondere nachdem der IS-Führer Bagdadi sich medienwirksam zum Kalifen ernannt und die Muslime weltweit in sein Kalifat eingeladen hatte. In diesem Monat schließlich veröffentlichte die „Kulturkommission“ der Dschihadisten eine „offizielle“ Biographie des einäugigen Mullah Omar – übersetzt in vier Sprachen. Von vielen Beobachtern wurde das elf Seiten lange Dokument als Antwort auf den IS gewertet.

          Auf dem Schlachtfeld in Afghanistan spielen die IS-Verbündeten bislang keine belegbare Rolle, doch in der politischen Debatte in Afghanistan sind sie allgegenwärtig. Bei seiner Amerika-Reise im März wies Präsident Ashraf Ghani in Interviews immer wieder auf die Gefahr des „Islamischen Staats“ in Afghanistan hin. Das Weiße Haus dagegen ließ erkennen, dass es in Afghanistan derzeit keinen starken Arm des IS heranwachsen sieht. Ghanis Unkenrufe wurden daher eher als Versuch gewertet, Präsident Barack Obama zu einer längeren Stationierung der amerikanischen Truppen am Hindukusch zu bewegen.

          Unterschied zu Taliban: Hinrichtung in Orange

          Zu Hause allerdings gerät Ghani wegen der wachsenden Angst vor dem IS zunehmend in Bedrängnis. Abgeordnete des Parlaments in Kabul forderten Ghani zum Rücktritt auf, nachdem in Badakhshan 20 Soldaten getötet und zum Teil geköpft worden waren, was manche Parlamentarier als Hinweis auf eine IS-Beteiligung interpretierten. Der frühere Kriegsfürst Ismail Khan, der von der Ghani-Regierung ins Abseits gedrängt worden war, versuchte die IS-Angst für ein Comeback in eigener Sache zu nutzen.

          Er rief frühere Mudschahedin-Führer dazu auf, jenseits der Armee eine gemeinsame Kraft gegen den IS zu schaffen. Es sei „nicht akzeptabel, ruhig zu bleiben, während unsere Feinde schon an unserer Türschwelle stehen“, sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP.

          Der frühere Geheimdienstchef Amrullah Saleh beschrieb das Phänomen des IS in Afghanistan dagegen als rein „psychologische Kriegsführung“. Die syrisch-irakische Terrormiliz selbst werde am Hindukusch keine Wurzeln schlagen können, „denn was auch immer Daesh im Irak und in Syrien getan hat, haben die Taliban in Afghanistan seit 20 Jahren getan“, sagte er dem Sender Radio Free Europe. „Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Taliban ihre Gefangenen nie in orangefarbenen Anzügen hingerichtet haben.“

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