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Afghanistan : Angriff auf ein Lebensgefühl

Hinterlassenschaften des Terrors: Sicherheitskräfte präsentieren die Pistolen der Angreifer. Bild: AFP

Der Anschlag auf das Serena-Hotel in Kabul erschüttert die afghanische Elite. Die Taliban greifen ausländische Zivilisten und moderne, westlich orientierte Afghanen zunehmend gezielt an.

          Als das elegante Serena-Hotel 2005 in Kabul als erstes Fünfsternehotel des Landes eröffnet wurde, sollte es ein Zeichen des Aufbruchs und der Hoffnung sein. So wollte es Aga Khan, das geistliche Oberhaupt der Ismailiten, zu dessen Entwicklungsfonds der Luxuskomplex gehört. Nach dem Angriff vom Donnerstagabend ist das Hotel nun zu einem Symbol dafür geworden, dass der Krieg in Afghanistan sich wandelt und die Taliban zunehmend ausländische Zivilisten und die moderne, westlich orientierte afghanische Elite gezielt angreifen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die vier Attentäter, angeblich Jugendliche, sollen Pistolen in ihren Schuhen durch die Sicherheitsschleusen geschmuggelt und sich gegen 18 Uhr unter die Gäste in einem der Restaurants des Hotels gemischt haben. Erst drei Stunden später eröffneten sie das Feuer. Sie töteten neun Personen, darunter vier Ausländer aus Kanada, Bangladesch und Paraguay. Unter den Opfern war auch der afghanische Journalist Ahmad Sardar, der für die französische Nachrichtenagentur AFP arbeitete, sowie seine Frau und zwei seiner Kinder, die im Serena zu Abend gegessen hatten. Nach Angaben des Innenministeriums schossen die Attentäter den Kindern in den Kopf. Sardars jüngster Sohn wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

          In einem stundenlangen Feuergefecht erschoss eine Spezialeinheit der afghanischen Polizei die Angreifer. Die Taliban bekannten sich zu dem Anschlag. Er habe Afghanen gegolten, die das persische Neujahrsfest mit Alkohol begangen hätten, sagte ein Sprecher der Extremisten. Aus Sicht der Taliban verkörpert das Hotel wie kein anderes die Dekadenz jener Ordnung, die nach ihrem Sturz 2001 in Afghanistan etabliert wurde. Hier treffen sich die in Kabul lebenden Ausländer zum Sonntagsbrunch, die afghanische Elite kommt zum Joggen ins Fitnessstudio, und in den Séparées werden politische Deals eingefädelt.

          Zudem ist das Serena das am besten geschützte Hotel des Landes. Der Angriff hat das Sicherheitsempfinden der modernen afghanischen Elite und der Ausländer in der Stadt schwer erschüttert. Viele der westlich gebildeten Afghanen tragen sich mit Gedanken, das Land zu verlassen; andere haben ihre Familien längst nach Dubai oder London gebracht. Die Furcht unter den Ausländern dürfte zudem dazu führen, dass die UN-Mission und die Entwicklungsorganisationen noch größere Probleme als bislang bekommen dürften, geeignetes Personal zu finden. Sie sind ohnehin tief verunsichert, seit Angreifer im Januar ein libanesisches Restaurant stürmten und alle anwesenden Gäste sowie den Besitzer und mehrere Mitarbeiter erschossen. Zwar ist es nicht neu, dass die Taliban und andere extremistische Gruppen in Afghanistan Zivilisten töten; sie sind nach UN-Angaben für drei Viertel aller getöteten Zivilisten verantwortlich. Doch gezielte Attentate auf Personen, die allein wegen ihrer ausländischen Herkunft oder ihres westlichen Lebensstils zum OPfer werden, sind bislang noch selten geblieben.

          Verschwörungstheorien sprießen

          Auch die Ermordung des schwedischen Journalisten Nils Horner im Diplomatenviertel Wazir Akbar Khan vor zehn Tagen hat die ausländische Gemeinde in Kabul aufgeschreckt. Wie die Gäste des Serena-Hotels wurde Nils Horner mit einer Pistole getötet – was als ungewöhnlich gilt, da bis dahin keine der in Afghanistan operierenden Extremistengruppe eine solche Waffe verwendet hatte. Das hat die Verschwörungstheorien in Kabul ins Kraut schießen lassen, genährt von afghanischen Regierungsmitarbeitern, die über eine Beteiligung westlicher Geheimdienste spekulierten.

          Präsident Karzai ließ am Freitag mitteilen, der Angriff auf das Serena-Hotel sei „ähnlich wie der auf das libanesische Restaurant mit dem Ziel ausgeführt, den Interessen von Ausländern zu dienen“. In der Vergangenheit war damit vor allem Pakistan gemeint. Doch in der vergangenen Zeit sind aus dem Präsidentenamt auch Spekulationen verlautet, wonach Karzai amerikanische Kräfte für Anschläge im Land verantwortlich macht.

          Ein Sprecher des Innenministeriums stellte den Angriff vom Donnerstag in einen direkten Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen am 5. April. Ziel der Attentäter sei es, die Wahlen zu stören. Die Vereinten Nationen haben bereits gewarnt, dass Gewalt die Wahlen erheblich beeinflussen könnten. Denn wenn etwa im paschtunisch dominierten Süden und Osten viele Wähler aus Angst zuhause blieben, könnten die ethnischen Minderheiten im Norden überproportional viel Einfluss auf das Ergebnis nehmen – so dass die Legitimität des Wahlsiegers in Frage stünde. Unter den Opfern im Serena war zudem ein Wahlbeobachter aus Paraguay. Das dürfte die Bewegungsfreiheit internationaler Wahlbeobachter weiter einschränken und die Gefahr von Manipulationen erhöhen.

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