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Afghanistan : Amerika will direkt mit Taliban verhandeln

  • Aktualisiert am

Zeigen sich gesprächsbereit: Afghanische Taliban, hier in Wardak Bild: AFP

Washington will direkte Gespräche mit den Taliban führen. Die Islamisten eröffneten ein Verbindungsbüro in Qatar. Sie zeigten sich ebenfalls gesprächsbereit und wollen auch mit der afghanischen Regierung verhandeln.

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          Die Vereinigten Staaten und der afghanische Friedensrat wollen in den nächsten Tagen in direkte Verhandlungen mit den Taliban eintreten. Die militanten Islamisten aus Afghanistan eröffnen dazu nun formal ein Verbindungsbüro in der qatarischen Hauptstadt Doha. Ihr Sprecher Mohammed Naim bekundete in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache, dass die politischen und militärischen Ziele der Taliban „auf Afghanistan beschränkt“ seien und dass die Taliban „anderen Ländern keinen Schaden antun“ wollten. Diese Aussagen wurden von der amerikanischen Regierung als Erfüllung ihrer Vorbedingungen für die Aufnahme von Gesprächen angesehen.

          Nach ihrer Auffassung haben die Taliban mit ihrer Erklärung klargestellt, dass von afghanischem Boden keine Bedrohung für andere Länder ausgehen solle und dass sie den Krieg in Afghanistan friedlich beenden wollten. An den Gesprächen in Doha sollen auch Vertreter der Haqqani-Gruppe teilnehmen, die mit den Taliban verbündet ist und in den vergangenen Monaten zahlreiche Terroranschläge und Angriffe auf die internationalen Truppen in Afghanistan verübt hat.

          Wie es unter Berufung auf ranghohe Regierungsmitglieder weiter hieß, spielte die pakistanische Regierung eine maßgebliche Rolle beim Zustandekommen der Vereinbarung über die Aufnahme von direkten Friedensgesprächen. Eine weitere Voraussetzung für den Beginn der Verhandlungen ist die Freilassung des amerikanischen Heeres-Feldwebels Bowe Bergdahl, der seit 2009 vom Haqqani-Netz als Geisel festgehalten wird. Die Aufnahme der seit Jahren geplanten Friedensgespräche zwischen Washington und den Taliban war in der Vergangenheit immer wieder am Streit um die Freilassung von Gefangenen gescheitert. Die Taliban fordern die Freilassung von Inhaftierten aus dem amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba.

          Afghanen übernehmen volle Sicherheitsverantwortung

          Zunächst hatte am Dienstag der afghanische Präsident Hamid Karzai Friedensgespräche seines Landes mit den Taliban angekündigt. Eine Delegation des „Hohen Friedensrates“ werde zu Gesprächen nach Qatar entsandt, sagte Karzai. Dem Rat gehören Politiker und Vertreter der afghanischen Zivilgesellschaft an. Karzai äußerte sich auf einer Zeremonie, zu der auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in eine Militärakademie nahe Kabul gereist war. Sie würdigten damit, dass die einheimischen Sicherheitskräfte fortan in ganz Afghanistan die Verantwortung übernehmen. Karzai verkündete den Beginn der fünften Phase der sogenannten Transition.

          In dieser Phase soll die internationale Schutztruppe Isaf die letzten 91 Distrikte der afghanischen Armee übergeben. „Wenn die Menschen sehen, dass die Sicherheit an Afghanen übergeben wurde, werden sie die Armee und die Polizei mehr unterstützen als zuvor“, sagte Karzai während einer Zeremonie in einer Militärakademie nahe Kabul. Isaf-Kommandeur General Joseph Dunford sprach von einem „stolzen Tag“ für Afghanistan. „Das afghanische Volk braucht für seine Sicherheit nicht mehr die Koalitionstruppen.Afghanische Soldaten und Polizisten schützen nun ihre Landsleute.“

          Bild: F.A.Z.

          Die Übergabe der Sicherheitsverantwortung hatte im März 2011 begonnen. Sie ist eine Voraussetzung für die Beendigung des Kampfeinsatzes der Nato, die für Ende 2014 geplant ist. Ausgehend von Kabul wurden immer größere Teile des Landes den afghanischen Sicherheitskräften übergeben, welche die Nato seit Jahren ausbildet. Die am Dienstag in die Transition entlassenen Distrikte liegen im unruhigen Osten und Süden des Landes, großteils an der Grenze zu Pakistan. Während des Übergangs sollen die Afghanen nach und nach die Planung, Ausführung und Führung von Einsätzen gegen die Aufständischen übernehmen, die Isaf-Truppe soll nur noch beraten und unterstützen. Parallel werden die regionalen Wiederaufbauteams (PRT) aufgelöst, die über Jahre hinweg wichtige Stützpunkte der Nato in dem Land waren. Manche könnten geschlossen, andere von den Afghanen fortgeführt werden, hieß es in der Nato.

          Das PRT Kundus, das die Bundeswehr betreibt, soll gegen Ende dieses Jahres übergeben werden. Die Isaf will bis Ende 2014 in Afghanistan bleiben, wird die Zahl ihrer Soldaten aber weiter verringern. Derzeit umfasst die Truppe 97800 Soldaten, darunter 4400 Deutsche. Das afghanische Heer hat 183000 Soldaten, die Luftwaffe 6700; die afghanische Polizei zählt 151000 Mann. Die Nato will 2015 eine neue Ausbildungs- und Beratungsmission einsetzen, die keinen Kampfauftrag mehr hat. Die Nato lobt seit längerem die Leistungsfähigkeit der neuen afghanischen Armee, auch wenn gelegentlich Berichte über gescheiterte Einsätze bekannt werden. Durch einen Bombenanschlag in Kabul wurden am Dienstag drei Zivilisten getötet und mindestens zwanzig weitere verletzt. Er galt einem Abgeordneten, der unverletzt blieb.

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