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Lynch-Urteil in Afghanistan : Vier Todesstrafen und eine tote Heldin

Täter aus der Mittelschicht: die vier Hauptangeklagten während der Urteilsverkündung am Mittwoch in Kabul Bild: Reuters

Der brutale Mord an einer jungen Studentin wegen angeblicher Koranverbrennung hat die afghanische Gesellschaft aufgewühlt. Wie konnte so etwas trotz aller Aufklärungskampagnen passieren? Die Täter wurden jetzt verurteilt.

          Im Gerichtssaal waren noch einmal die Videoaufnahmen des grauenhaften Lynchmordes gezeigt worden. Passanten hatten sie mit ihren Mobiltelefonen gemacht und ins Internet gestellt. Darauf war zu sehen, wie eine Horde junger Männer im Zentrum der afghanischen Hauptstadt Kabul eine halbe Stunde lang auf die Studentin Farchunda eintraten und einschlugen. Wie sie ihren blutüberströmten Körper mit langen Holzbrettern malträtierten, wie einzelne Männer sich aus der Menge lösten, der am Boden liegenden Frau gegen den Kopf traten und dabei jubelten. Wie das Opfer minutenlang immer wieder versuchte, auf die Täter einzureden, um ihnen zu erklären, dass sie zu Unrecht beschuldigt worden war, einen Koran verbrannt zu haben. Wie manche Polizisten dem Treiben teilnahmslos zusahen, während andere Polizisten das Opfer auf ein Dach manövrierten, um es aus den Fängen seiner Mörder zu befreien, es dann aber geschehen ließen, dass die Frau sogleich wieder vom Dach gestoßen wurde. Wie schließlich einer der Täter mit seinem Auto über den leblosen Körper raste und andere ihn in Brand steckten und über die Brüstung ins Bett des fast trockenen Kabul-Flusses warfen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          49 Angeklagte standen vor Gericht, unter ihnen 19 Polizisten, die der unterlassenen Hilfeleistung beschuldigt wurden. Nach nur vier Tagen Verhandlung ergingen an diesem Mittwoch die Urteile: Vier der Beschuldigten wurden zum Tod durch den Strang verurteilt, acht weitere zu 16 Jahren Haft. 18 der Angeklagten wurden freigesprochen. Über die Schuld der Polizisten will das Gericht am Sonntag befinden.

          Greuel zur besten Einkaufszeit

          Der Mord an 28 Jahre alten Farchunda, die wie viele Afghanen keinen Nachnamen hatte, hat die afghanische Gesellschaft aufgewühlt wie nur wenige Verbrechen zuvor. Wie war es möglich, dass auf einem der belebtesten Plätze der Hauptstadt zur besten Einkaufszeit eine solche Greueltat geschehen konnte? Was offenbart sie über die Gewaltbereitschaft ganz normaler Bürger? Viele der Täter kommen aus der Mittelschicht und trugen westliche Kleidung. Und wie radikal-islamistisch ist die afghanische Gesellschaft 14 Jahre nach dem Sturz der Taliban und dem Beginn der westlichen Intervention, nachdem Milliarden Dollar in Bildungs- und Aufklärungskampagnen, an liberale Medien und Frauenorganisationen geflossen sind?

          Ringen um Deutungshoheit: Performance von Frauenrechtlerinnen Ende April in Kabul

          Wochenlang rangen Aktivisten der Zivilgesellschaft und ultrakonservative Geistliche um die Deutungshoheit über Farchundas Schicksal. Denn beide Seiten reklamieren sie als Heldin und Vorkämpferin für sich. Anfangs hatten mehrere Imame die Täter in ihren Freitagspredigten sogar noch in Schutz genommen oder als Verteidiger des Islams gelobt, weil es zunächst geheißen hatte, Farchunda habe einen Koran verbrannt und sei deshalb getötet worden. Doch nach Ermittlungen der Polizei und einer Untersuchung des Ministeriums für Religiöse Angelegenheiten ergab sich ein ganz anderes Bild: Demnach war Farchunda eine tiefreligiöse Studentin des Islamischen Rechts, die sich gegen abergläubische Praktiken engagierte.

          Von der Koranschänderin zur orthodoxen Hardlinerin

          In dem Heiligenschrein, vor dem sie gelyncht wurde, betrieben selbsternannte Mullahs und Heiler einen florierenden Handel mit Zetteln, auf die sie Koranverse kritzelten und als Talisman gegen Krankheit, Unglück und Unfruchtbarkeit verkauften. Farchunda soll regelmäßig hierhergekommen sein, um gegen diese in Afghanistan weitverbreitete Praxis anzugehen. Augenzeugen berichteten, der Verwalter des Schreins habe die junge Frau aus Angst um seine Einnahmequellen fälschlicherweise der Blasphemie beschuldigt. Da die Studentin zudem keine afghanische Burqa, sondern einen arabischen Vollschleier trug und sich nach Angaben ihrer Familie einer orthodoxen Richtung des Islams verschrieben hatte, gilt sie nun auch unter Afghanistans Hardlinern als Vorbild.

          Frauenrechtlerinnen und Aktivisten für Meinungsfreiheit sehen in dem Lynchmord dagegen einen weiteren Beleg für ein Klima der Intoleranz und Verachtung für westliche Werte und die Rechte von Frauen. Große symbolische Wirkung hatte die Beerdigung Farchundas, bei der Frauenrechtlerinnen den Sarg trugen – ein Akt, der in Afghanistan sonst nur Männern vorbehalten ist. Bei zahlreichen Demonstrationen trugen die Aktivisten zudem Masken mit dem Foto des blutverschmierten Gesichtes Farchundas, das kurz vor ihrem Tod aufgenommen worden war.

          Falsche Beschuldigungen, grausame Lynchjustiz: Angehörige der ermordeten Studentin folgen der Verhandlung.

          Das ikonische Bild wurde tausendfach in den sozialen Netzwerken weiterverbreitet und gerann zum Symbol für die unbeschreibliche Brutalität der Mörder. All das setzte die afghanischen Ermittlungs- und Justizbehörden unter hohen Druck, die Täter schnell festzunehmen und zu verurteilen. Menschenrechtler kritisierten das Verfahren, in dem Geständnisse nach Angaben einiger Betroffener durch Folter erpresst worden sein sollen. Der Fall dürfte nun in die Revision gehen.

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