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Abes Besuch am Yasukuni-Schrein : Wenn die Emotionen kochen

Ministerpräsident Abe besucht den Yasukuni-Schrein und gibt eine Pressekonferenz Bild: AFP

Dass Japan im Zweiten Weltkrieg der Aggressor war und abscheuliche Kriegsverbrechen verübte, leugnen Japaner heute kaum noch. Aber als großes Problem empfinden es viele auch nicht. Kritik aus China und Korea stößt auf Unverständnis.

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          „Vom homo erectus bis in die Gegenwart innerhalb eines Schuljahres.“ So fasste eine Japanerin in einem Beitrag für die BBC kürzlich ihre Erfahrungen mit historischer „Bildung“ während ihrer Schulzeit zusammen. Gegen Ende des Schuljahres würden die Lehrer regelmäßig hektisch, um überhaupt noch bis zum Zweiten Weltkrieg zu kommen. Auch aus diesem Grund wissen viele Japaner heute relativ wenig über die Zeit, die für ihre Nachbarn und ehemaligen Opfer so wichtig ist. Wenn sie dann aus China oder Korea Anfeindungen zu hören bekommen, können viele das nicht verstehen und fühlen sich ungerecht behandelt.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Wenn die relative Unbildung japanischer Schüler das einzige Problem wäre, könnte man das durch einige Änderungen im Lehrplan schnell ändern. Aber auch die Inhalte japanischer Schulbücher für das Fach Geschichte vermitteln ein eigenwilliges Bild der Vergangenheit. Mittlerweile werden zwar Ereignisse wie das Massaker von Nanking im Jahre 1937, bei dem wahrscheinlich mehrere hunderttausend Chinesen umgebracht wurden, wenigstens erwähnt. Eine Einordnung findet aber nicht statt. Sie ist nach Ansicht japanischer Nationalisten eigentlich auch gar nicht notwendig. Für sie ist das Massaker ein Ereignis, das in einem Krieg eben vorkomme. Von absichtlichen Morden japanischer Soldaten könne jedenfalls nicht die Rede sein.

          Zwangsprostituierte in Frontbordellen

          Chinesische Schüler erhalten ein völlig anderes, und in diesem Falle wohl deutlich realistischeres Bild von dem Geschehen im Jahre 1937. In Deutschland ist das Nanking-Massaker vor allem durch die Erinnerung an John Rabe bekannt geworden. Der deutsche Geschäftsmann rettete viele Chinesen vor dem sicheren Tod und darf als durchaus unverdächtiger Zeuge dafür gelten, dass es sich nicht um einen gewissermaßen normalen Zwischenfall im Krieg handelte, wo Zivilisten bei Kämpfen getötet werden.

          Das zweite große historische Thema, das zwischen Japan und seinen Nachbarn steht, ist das Schicksal vieler koreanischer Frauen, die von der japanischen Armee während des Krieges als Zwangsprostituierte in Frontbordellen gehalten wurden. Auch hier hat sich die japanische Darstellung und Wahrnehmung in den vergangenen Jahrzehnten allmählich gewandelt. Aber immer noch gibt es auch die Auffassung, Prostitution sei ein Alltagsphänomen, die japanischen Soldaten hätten fern der Heimat Abwechslung und Entspannung dringend gebraucht, und außerdem seien die Koreanerinnen für ihre Dienste ja auch entlohnt worden.

          Dass Japan im Zweiten Weltkrieg der Aggressor war, dass es viele Länder Asiens besetzte, dass es – vor allem in China, aber nicht nur dort – zu abscheulichen Kriegsverbrechen kam, wird in Japan heute kaum noch geleugnet. Aber als übermäßig großes Problem empfinden es viele eben auch nicht. Eroberungskriege hätten andere Länder auch geführt, zu Grausamkeiten komme es dabei häufig. Wieso werde also ausgerechnet Japan immer als negatives Beispiel an den Pranger gestellt, fragen sie.

          Hinzu kommt, dass das Land am Ende des Zweiten Weltkrieges den Abwurf zweier amerikanischer Atombomben zu erdulden hatte. Die unzähligen Toten von Hiroshima und Nagasaki werden hoch geehrt. Ursache und Wirkung treten hinter dem Gedenken aber deutlich zurück. Im Falle der Atombomben fühlt sich Japan als Opfer. Das fällt umso leichter, da bis heute kein anderes Land einem solchen Angriff ausgesetzt wurde.

          Die Wunden der Vergangenheit

          Vor diesem Hintergrund erstaunt es kaum, dass die allgemeine Gedenkkultur in Japan eine andere ist als zum Beispiel in Deutschland. Der Yasukuni-Schrein, um den sich seit Jahrzehnten heftige Kontroversen ranken, ist eigentlich eine allgemeine Gedenkstätte für die Soldaten, die in Japans Kriegen seit 1853 gefallen sind. Da diese Kriege, abgesehen von dem gegen Russland 1904/05, aber hauptsächlich gegen China und Korea geführt wurden, stand der Schrein dort von vornherein nicht in hohem Ansehen. Zum ernsthaften Problem wurde er allerdings erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Seitdem wird dort nämlich auch der Seelen von vierzehn verurteilten Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkrieges gedacht. Das wird von den Nachbarländern als besondere Provokation aufgefasst. Wenn dann noch japanische Amtsträger den Schrein besuchen, kochen die – ehrlichen und geförderten – Emotionen.

          Ein Shinto-Prister führt Abe durch die Anlage

          Als Ergebnis von Vergangenheit und gegenwärtiger politischer Verfasstheit leben die drei großen Nationen Ostasiens bestenfalls nebeneinander her. In Konfliktfällen brechen die Wunden der Vergangenheit aber schnell wieder auf. Unwissen oder auch nur einseitige Geschichtsbilder auf allen Seiten fördern das wechselseitige Unverständnis.

          Um diesem offenkundigen Missstand wenigstens ein wenig abzuhelfen, hat die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye vor kurzem vorgeschlagen, die Schulbücher Japans und Koreas aufeinander abzustimmen. Mit diesem Ansinnen ist sie in Japan bislang nicht auf offene Ohren gestoßen. China vermittelt seinen Schülern weiterhin ein Bild japanischer „Teufel“, die ein friedliches und machtloses Land überfallen und ausgebeutet haben. Daraus ziehen die maßgebenden Führer der Kommunistischen Partei den Schluss, ihr Land müsse so mächtig sein, dass ihm niemals wieder ein solches Schicksal drohe. Das wiederum wird in Japan als Ausdruck drohenden Expansionismus wahrgenommen, dem es durch verstärkte Rüstungsanstrengungen entgegenzutreten gelte. Korea schließlich pflegt sein Image als kleines Volk, das immer schon von den größeren Nachbarn unterdrückt worden sei.

          Verständnis für die Positionen des jeweils anderen ist in allen Ländern kaum vorhanden. Wirtschaftlich sind die Staaten eng verbunden. Aber weder scheint es „Wandel durch Handel“ zu geben, noch führen wirtschaftliche Interessen bislang dazu, politisch wenn schon nicht zu kooperieren, so doch einen vernünftigen Umgang miteinander zu pflegen.

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