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Abe in Washington : Große Reue, aber keine Entschuldigung

Applaus von Kongressabgeordneten für den japanischen Ministerpräsidenten: Shinzo Abe am Mittwoch in Washington Bild: AP

Große Reue, ewiges Beileid – doch Japans Ministerpräsident verzichtet in Washington auf eine Entschuldigung für vergangene Kriegsgreuel durch Japan.

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          Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe hat in einer Rede vor dem Kongress in Washington „große Reue“ und „ewiges Beileid“ für die Leiden bekundet, die Japan anderen Ländern im Zweiten Weltkrieg zugefügt hatte. Der konservative Ministerpräsident scheute aber abermals vor einer simplen Entschuldigung für die damalige Aggression Japans zurück. „Die Geschichte ist hart. Was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden“, sagte Abe in der Rede.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Im Namen Japans und des japanischen Volkes spreche ich den Seelen aller Amerikaner, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren, mit tiefstem Respekt mein Beileid aus.“ Damit enttäuschte Abe die Erwartungen mancher amerikanischer Politiker und vieler koreanisch-stämmiger Amerikaner sowie Koreaner. Sie hatten vor allem gewünscht, dass Abe klar die Schuld Japans für die sexuelle Versklavung zehntausender asiatischer Frauen während des Krieges endlich anerkennen möge.

          Scharfe Worte der Kritik fand der demokratische Abgeordnete Michael Honda aus Kalifornien. Es sei „schockierend und beschämend“, dass Abe der Verantwortung weiterhin ausweiche und sich nicht entschuldige, sagte Honda nach der Rede. In dieser Haltung hat Abe allerdings auch viele Unterstützer. Das ergab eine Umfrage des Pew-Instituts: Demnach meint die Mehrheit der Amerikaner und auch der Japaner, dass Japan sich für die Geschichte genug entschuldigt habe oder sich gar nicht entschuldigen müsse.

          Handelsabkommen statt Schuldbekenntnis

          In amerikanischen Regierungskreisen war die Reaktion auf Abes Rede dagegen zurückhaltend positiv. Abe habe die japanische Verantwortung sehr klar gemacht, sagte der amerikanische Vizepräsident Joseph Biden in Washington. Ihm habe am meisten gefallen, dass Abe sein Mitgefühl auf alle asiatischen Nachbarn ausgedehnt habe, lobte Biden. Die Erwartung, dass Abe auf ausländischem Boden seine bisherige Rhetorik ändern werde, war schon vor der Rede unrealistisch. Wie schon in früheren Reden verwies er indirekt auf japanische Entschuldigungen. „Unsere Handlungen brachten Leid über die Völker Asiens. Davor dürfen wir unsere Augen nicht verschließen“, sagte Abe. In formelhafter Weise fügte er dann an, dass er diesbezüglich die Reden früherer Ministerpräsidenten aufrechterhalten werde.

          Damit spielt Abe auf die Reden von Tomiichi Murayama und Junichiro Koizumi zum 50. und 60. Jahrestags des Kriegsendes an, in denen diese von „tiefer Reue und aufrichtiger Entschuldigung“ gesprochen hatten. Der zweite Teil dieser Formulierung kam Abe bislang nicht über die Lippen. Nach Abes Rede in Amerika richtet die Aufmerksamkeit in Asien sich jetzt auf seine Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im Sommer. Auch Südkorea, das von Abe und den Japanern eine offizielle Entschuldigung für die sexuelle Versklavung von Koreanerinnen während des Krieges fordert, ist mit Abes Rede nicht zufrieden. Das zeigten erste Bewertungen in den Zeitungen. In Süd- wie Nordkorea stieß vor allem auf heftigen Protest, dass Abe die sogenannten Trostfrauen in einer Rede vor der Harvard-Universität lediglich als „Opfer von Menschenhandel“ bezeichnet hatte. Sie sehen in dieser Formulierung einen Versuch Abes, die Verantwortung des japanischen Militärs wegzuwischen.

          Für eine Entschuldigung, gegen neue Verteidigungsrichtlinien mit Amerika: Demonstration von Südkoreanern Ende April vor der japanischen Botschaft in Seoul
          Für eine Entschuldigung, gegen neue Verteidigungsrichtlinien mit Amerika: Demonstration von Südkoreanern Ende April vor der japanischen Botschaft in Seoul : Bild: AP

          Die erste Rede des japanischen Ministerpräsidenten vor beiden Kammern des Kongresses war der inoffizielle Höhepunkt der Amerikareise Abes, die ihn als nächstes in das High-Tech-Zentrum in Kalifornien führt. Er nutzte den Auftritt in Washington allerdings für ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Bündnis mit den Vereinigten Staaten. Diese Zusammenarbeit in militärischer und wirtschaftlicher Sicht erhält durch das Erstarken Chinas in Asien neue Impulse.

          Abe lobte dabei vor allem das geplante pazifische Freihandelsbündnis TPP (Trans-Pacific Partnership) als „Saatbeet für den Frieden“ in der Region. TPP gehe weit über wirtschaftliche Vorteile hinaus, es gehe um „unsere Sicherheit“, betonte Abe den strategischen Nutzen des Bündnisses für Wohlstand, Demokratie, Frieden und Freiheit. Amerika und Japan sehen das TPP-Bündnis von zwölf Nationen, dem China bislang nicht angehört, als Mittel, um westliche Wirtschaftsregeln in Asien zu verankern. Abe preist TPP darüber hinaus als Mittel gegen die Ausbeutung von Arbeitern, für den Umweltschutz und gegen den Diebstahl intellektueller Eigentumsrechte. All das zielt gegen derzeit gängige chinesische Wirtschaftspraktiken.

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