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Armut in Hongkong : Teile und kassiere

  • -Aktualisiert am

Käfighaltung: Das Viertel Shamshuipo in Hongkong Bild: AFP

Hongkong ist eigentlich reich, aber die Einkommensverteilung ist extrem ungleich. Mindestens 70.000 Menschen leben in Verschlägen, Käfigen und anderen winzigen Schlafstellen.

          5 Min.

          Seit vier Jahren lebt Herr Leung in einem Verschlag von zweieinhalb Quadratmeter Größe. Er hat Platz für eine Pritsche, ein schmales Regal für seine Habseligkeiten und einen elektrischen Reiskocher. Es gibt kein Fenster, für Luftzug im schwülheißen Klima von Hongkong soll ein winziger Ventilator in der Holzwand zum Gang sorgen. Wenn es zu stickig wird in seinem Verschlag, geht Herr Leung ein paar Blöcke weiter in die Shopping Mall. Dort schaut er den anderen beim Eislaufen zu, das kühlt ab, sagt er. Erst abends kehrt er zurück in seine zweieinhalb Quadratmeter.

          Herr Leung lebt in einer Unterkunft, die man in Hongkong vornehm eine „unterteilte Wohnung“ nennt. Von einer lauten Straße im Stadtteil Shamshuipo gelangt man durch eine eiserne Gittertür und einen engen und schmutzigen Treppenaufgang zur Wohnung im ersten Stock. Sie ist mit Holzwänden in zehn abschließbare Verschläge wie die von Herrn Leung unterteilt. Noch weitere neun Männer leben hier. Herr Leung kennt sie kaum. Die Männer begegnen einander auf dem Weg in die winzige, wenig einladende gemeinsame Dusche oder auf die Toilette. Ein Mieter lebt in einem Verschlag, der über der Toilette eingezogen ist. Nur zwei der Verschläge haben Fenster, das kostet dann mehr, sagt Herr Leung. Eine Küche gibt es nicht. Jeder Mieter darf nur einen elektrischen Reiskocher in seinem Verschlag benutzen, weil offenes Feuer und Gas verboten sind.

          Feilschen um jeden Cent

          Leung bezahlt für seinen Verschlag umgerechnet 140 Euro, das entspricht fast der Hälfte der Sozialhilfe von 300 Euro, die er von der Hongkonger Verwaltung bekommt. Für die Vermieter ist die Unterteilung der Wohnungen ein gutes Geschäft, sie können so für eine Wohnung leicht das Doppelte von dem bekommen, was sie für eine Vermietung im Ganzen erhalten. Mieter wie Herr Leung müssten in der gleichen Lage oft das Zehn- bis Zwanzigfache für eine kleine Wohnung bezahlen.

          Der 54 Jahre alte Leung ist vor 30 Jahren aus der Volksrepublik China nach Hongkong gekommen. Damals versprach die britische Kolonie Hongkong Reichtum, zumindest ein besseres Leben als das in der Volksrepublik. Doch Leung ist nie reich geworden. Er hat sich über die Jahre als Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen. Aber jetzt findet er keine Arbeit mehr. „Ich suche, aber es gibt nichts für mich, ich bin wohl zu alt“, sagt Leung und fasst sich während des Gespräches immer wieder an eine Gürteltasche, in der er seinen Geldbeutel und sein Mobiltelefon trägt.

          Nur wenige U-Bahnstationen ist Shamshuipo von den glitzernden Hochhäusern von Hongkong Central und den Einkaufsstraßen von Kowloon entfernt, wo die Touristen sich durch die Geschäfte schieben, doch hier ist eine andere Welt. Die Straßen sind schmutziger, die Menschen schlechter gekleidet. Auf den Straßenmärkten, wo billigste Textilien aus China angeboten werden, wird um jeden Cent gefeilscht.

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          „Unterteilte Wohnungen“ gibt es viele in Shamshuipo. Nach einer neuen Erhebung der Hongkonger Verwaltung leben 70.000 Menschen in Hongkong in Verschlägen, Käfigen und anderen winzigen Schlafstellen. Viele sind nahe an Kowloon, denn Leute wie Leung, die Gelegenheitsjobs suchen, wollen nahe an den Geschäftsvierteln sein. „Gelegenheitsarbeiter werden oft nachts oder in den frühen Morgenstunden gebraucht. Da ist es besser, nahe am Zentrum zu sein und das Fahrgeld für die U-Bahn zu sparen“, sagt Sozialarbeiter Yeung, der sich um die Ärmsten von Shamshuipo kümmert.

          Hongkong ist reich. Das Durchschnittseinkommen pro Kopf ist etwa so hoch wie in den Industriestaaten, aber die Einkommensverteilung ist extrem ungleich. Und während die Einkommen der mittleren und oberen Schichten in den vergangenen Jahren gestiegen sind, fallen die der unteren. 17 Prozent der Hongkonger Bevölkerung gelten als arm. Das heißt nach Hongkonger Berechnungsmodus, dass sie weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Monatseinkommens von umgerechnet 700 Euro verdienen. Besonders betroffen sind Ältere, ein Drittel von ihnen hat nach einer neuen Erhebung der Hongkonger Verwaltung nicht genug Geld zum Überleben.

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