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Konflikt in Nagornyj Karabach : Sterben im Niemandsland

Ein armenischer Soldat auf einem Foto, das vom armenischen Verteidigungsministerium verbreitet wurde. Bild: Reuters

Im Konflikt in der Region Nagornyj Karabach gibt es viele widersprüchliche Angaben. Aserbaidschan meldet gar nur tote Zivilisten – bei Soldaten könnte dies die Kampfmoral senken.

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          Im wieder aufgeflammten Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien muss man annehmen, dass gerade auf beiden Seiten der Front junge Männer für Orte wie Fisuli sterben. Das ist der russische Name für ein aserbaidschanisches Städtchen namens Füzuli. Es ist formal weiter die Hauptstadt eines gleichnamigen aserbaidschanischen Bezirks und vermeldete 1991 mehr als 17.000 Einwohner. Aber seit Sommer 1993 sind Fisuli und ein Teil dieses Bezirks von armenischen Soldaten besetzt; die aserbaidschanische Bevölkerung floh oder wurde vertrieben.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die mehrheitlich von Armeniern bewohnte, nicht anerkannte „Republik Nagornyj Karabach“ bezeichnet den verlassenen Ort als „Waranda“, zählt ihn und die besetzten Teile des Bezirks Fisuli zusammen mit sechs weiteren aserbaidschanischen Gebieten zu dem „Sicherheitsgürtel“ um ihr bergiges Kerngebiet. Wo einst Wein angebaut wurde, ist seit 27 Jahren Niemandsland, in dem Soldaten wachen, kämpfen, sterben.

          Propaganda von allen Seiten

          Am frühen Dienstagmorgen meldete das Verteidigungsministerium in Baku einen Angriff auf Fisuli. Einige Stunden später hieß es, der Kampf um Fisuli gehe weiter. Bald darauf hieß es, man habe einen „Gegenangriff des Gegners“ zurückgeschlagen. Hingegen meldete das „Verteidigungsministerium“ aus Stepanakert, der „Hauptstadt“ von Nagornyj Karabach, mit Blick auf Kämpfe entlang der gesamten Waffenstillstandslinie von 1994: „Die Angriffshandlungen werden erfolgreich neutralisiert.“ Wie viele aserbaidschanische Soldaten seit Beginn der Offensive, die offiziell eine „Konteroffensive“ als Antwort auf armenische „Provokationen“ ist, ums Leben gekommen sind, teilt das Militär in Baku nicht mit.

          Die Behörden berichten ausschließlich über Zivilisten, die durch armenischen Beschuss getötet worden seien; bis Dienstagnachmittag sollen zwölf Zivilisten ums Leben gekommen und 35 verwundet worden sein. Dafür, dass auch viele aserbaidschanische Soldaten getötet werden, spricht, dass das Internet im Land stark beschränkt ist; Informationen über Tote könnten die Kampfmoral senken.

          Ein Mann steht am 29. September vor seinem zerstörten Auto in der Region Nagornyj Karabach.
          Ein Mann steht am 29. September vor seinem zerstörten Auto in der Region Nagornyj Karabach. : Bild: AFP

          Auf der anderen Seite hat das Militär der „Republik Nagornyj Karabach“ bis Montagabend über den Tod von 84 Soldaten informiert. Für Armenien, von dem das Gebiet vollständig abhängt, ist an der aktuellen Eskalation neu, dass die Türkei offen für Baku eintritt. Am Dienstagabend teilte das Verteidigungsministerium in Eriwan mit, ein türkisches F-16-Jagdflugzeug habe, aus Aserbaidschan kommend, in armenischem Luftraum ein Su-25-Kampffluzeug abgeschossen, dessen Pilot umgekommen sei.

          Die aserbaidschanische Armee wies den Abschuss zurück. Schon zuvor hieß es, ein Militärgelände in der armenischen Stadt Wardenis sei beschossen worden. Das hatte der aserbaidschanische Botschafter in Moskau zurückgewiesen: „Auf das Gebiet Armeniens ist keine einzige Bombe gefallen.“ Eriwan ist bestrebt, von Russland, der Schutzmacht Armeniens, ein entschiedeneres Eintreten gegen die Türkei zu erreichen.

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