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Demos gegen Putsch in Myanmar : Armee geht gewaltsam gegen Protestler vor

Anhänger von Aung San Suu Kyi am Dienstag in Yangon Bild: AFP

Berichten zufolge soll echte Munition eingesetzt worden sein. Die Armee soll außerdem die Parteizentrale der Opposition zerstört haben. Die Ereignisse wecken bei den Älteren ungute Erinnerungen. Jüngere geben sich unbeeindruckt.

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          Die Angst läuft mit, als die Menschen in Myanmar (Burma) wieder gegen den Putsch des Militärs auf die Straße gehen. Am Tag zuvor hatte die Militärregierung das Kriegsrecht über Teile des Landes verhängt. Unter Artikel 144 des Strafgesetzbuchs sind Versammlungen von mehr als fünf Personen sowie öffentliche Reden verboten, und es gilt eine nächtliche Ausgangssperre von 20 bis vier Uhr.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Trotzdem strömen auch am Dienstag in der größten Stadt Yangon (Rangun) die Menschen aus ihren Häusern. „Auf jeden Fall schwimmt da so ein mulmiges Gefühl mit. Weil man einfach weiß, dass es jederzeit eskalieren kann“, sagt Mikis Weber, ein aus Bremen stammender junger Musiker und Schauspieler, der es in dem südostasiatischen Land zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Nicht zuletzt habe auch die Geschichte der ehemaligen Militärdiktatur gezeigt, wie schnell es zu Gewalt kommen könne, sagt der 28 Jahre alte Deutsche der F.A.Z. telefonisch aus Yangon.

          Auf eigenem Terrain bedroht

          Und tatsächlich: Während es in Yangon zunächst friedlich bleibt, am Dienstagabend wird allerdings bekannt, dass die Armee die Zentrale der Partei der festgenommenen De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi nach Angaben der NLD, der Nationalen Liga für Demokratie, zerstört hat, überschlagen sich die Nachrichten aus anderen Gegenden des Landes. In der Hauptstadt Naypyidaw gehen die Sicherheitskräfte mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen gegen die Demonstranten vor. Der lokalen Presse zufolge wird eine Frau mit kritischen Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht. „Sie könnte jederzeit sterben“, sagte ein Arzt dem Internetmagazin „Frontier Myanmar“. Dem Bericht zufolge stammen die Wunden nicht von einem Gummigeschoss, sondern von echter Munition.

          Auch in anderen Presseberichten ist davon die Rede, dass die Polizei zumindest Warnschüsse mit scharfer Munition abgegeben habe. Dabei wundert es niemanden, dass die Konfrontation gerade in der Hauptstadt so heftig ausfällt. Schließlich hatte das Militär die Retortenstadt einst überhaupt erst aus dem Boden gestampft, weil es sich im Herzen des Landes sicherer fühlte als in der Hafenstadt Yangon.

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          Nun sieht es sich durch die Proteste zum ersten Mal auf ihrem eigenen Terrain bedroht. Doch falls sich die Militärs erhofft haben sollten, dass ihr scharfes Vorgehen unbemerkt bleiben würde, haben sie sich getäuscht. Die Nachrichten gehen trotz Internetbeschränkungen um die Welt. Auch das Auswärtige Amt in Berlin äußert deshalb am Dienstag „große Sorge“ über die Entwicklungen in Myanmar. „Dringend nötig sind eine friedliche Lösung und die Rückkehr zu demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen in Myanmar“, heißt es in einer Stellungnahme auf Twitter.

          Da ist die Regierung in Neuseeland schon weiter: Sie bricht am Dienstag alle politischen und militärischen Kontakte ab und verhängt gegen die Militärjunta eine Einreisesperre. Das UN-Büro in Myanmar verurteilt zudem die „unverhältnismäßige“ Gewalt gegen Demonstranten. Es fordert die Sicherheitskräfte auf, die Menschen- und Freiheitsrechte zu achten.

          Die Militärs dürften sich sehr bewusst sein, dass sie in dieser Situation zunehmend isoliert sind. Ihr Anführer, der Putschgeneral Min Aung Hlaing, hatte sich am Abend zuvor während seiner ersten Fernsehansprache seit dem Staatsstreich vor einer Woche an die Öffentlichkeit gewandt. „Es wird keine Änderungen in der Außenpolitik, Regierungspolitik und Wirtschaftspolitik des Landes geben, während wir vorübergehend die Staatsverantwortung übernehmen“, sagte er und versprach eine „echte und disziplinierte Demokratie“. Und er fügte hinzu, dass Myanmar weiter „offen für ausländische Investitionen“ sei. Doch die beschwichtigenden Worte des Generals klangen hohl. Schließlich kamen sie nur wenige Stunden nachdem das Militär den Demonstranten im Fernsehen mit unbestimmten Maßnahmen gedroht hatte.

          Hoffnung durch schöne Bilder

          Von der ausgelassenen Stimmung, die in den vergangenen Tagen bei den Demonstrationen zu herrschen schien, war angesichts der Ereignisse denn auch nicht mehr viel zu hören. Der Deutsche Mikis Weber hält dies ohnehin für eine verklärte Darstellung. „Ganz im Gegenteil, die Leute sind absolut ernst dabei“, sagt er. Tatsächlich geht es für sie um viel. In Myanmars zweitgrößter Stadt Mandalay werden der lokalen Presse zufolge 27 Demonstrationsteilnehmer von der Polizei festgenommen. Auch dort geht das Militär mit Wasserwerfern gegen die Kundgebungen vor. Aber es kommt auch zu erstaunlichen Szenen der Verbrüderung. In einigen Fällen wechseln Polizisten die Seiten. Andere zeigen den Drei-Finger-Gruß, den die Demonstranten als Zeichen des Protests verwenden. „Man sieht eben auch schöne Bilder, und das lässt einen so ein bisschen hoffen“, sagt Mikis Weber.

          Dem Deutschen zufolge halten sich Hiobsbotschaften und Signale der Hoffnung die Waage. Ein gutes Zeichen dürfte es sein, dass vor allem die junge Generation den Weg des Widerstands nicht scheut. „Es ist eine sehr aufgeklärte Generation, die in der Demokratie ihre Jugend erlebt hat und groß geworden ist“, sagt Weber. Sie sei im Umgang mit moderner Technik und den Medien versiert. „Die Älteren sind vielleicht auch ein bisschen traumatisiert von den Erlebnissen der Vergangenheit. Sie sind vielleicht nicht so wagemutig, weil sie wissen, dass das auch ganz schnell mal nach hinten losgehen kann.“ Die jungen Leute hätten Geschmack an der Demokratie gefunden. „Sie wissen, was hier auf dem Spiel steht und wofür sie kämpfen“, sagt der Deutsche. Er zitiert einen Spruch, der in den vergangenen Tagen immer wieder bei den Demonstrationen aufgetaucht war. „Ihr habt euch mit der falschen Generation angelegt!“

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