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Argentinien : Hinter tausend Nullen kein Wert

  • -Aktualisiert am

Schlechte Zeiten für den Peso: Die argentinische Währung verliert gegenüber dem Dollar fortlaufend an Wert Bild: dapd

In Argentinien treibt die - von der Regierung geleugnete - Inflation immer bizarrere Blüten. Nun braucht das Land dringend neue Peso-Scheine, und nicht einmal das gelingt.

          Argentinien braucht dringend frisches Geld. Der Staat hat sich schon allerhand einfallen lassen, um die Kasse zu füllen, oder besser: um den unaufhaltsamen Geldschwund aufzuhalten. Kaum einer seiner Bürger kann sich mehr auf offiziellem Weg Dollar beschaffen, weil die Devise gehortet wird, um die immensen Schulden bezahlen zu können. Import und Export werden nach völlig undurchsichtigen Regeln kontrolliert, die nur zum Ziel haben, möglichst viele Dollar ins Land zu schaffen und keine hinauszulassen. Die Inflation - von der Regierung geleugnet, von unabhängigen Instituten auf etwa 25 Prozentpunkte jährlich errechnet - sorgt daneben für einen immer größeren Bedarf an Scheinen der einheimischen Währung, des Peso.

          Der Regierung der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner scheint es jedoch nicht einmal mit den ausgefallensten Methoden zu gelingen, das Geld zusammenzuhalten oder gar zu vermehren. Die Argentinier, die aus früheren Krisen gelernt haben, leeren ihre Dollarbankkonten und horten das Geld lieber wieder unter dem Kopfkissen. Wer unbedingt Pesos gegen Devisen tauschen oder seine Dollar zu Pesos machen muss, geht in eine „Höhle“, eine Wechselstube, und tauscht dort zum Schwarzmarktkurs. Die Restriktionen haben den Abfluss der Devisen ins Ausland zwar aufgehalten, doch keineswegs gestoppt.

          Nun hat sich auch der Versuch, der inflationären Entwicklung entsprechend Pesos in ausreichender Menge zu drucken, zu einer Posse entwickelt, die in einem Desaster für die Regierung enden könnte. Beispielhaft steht dafür der Skandal um die früher private Druckerei Ciccone Calcográfica, die seit Anfang der fünfziger Jahre Geldscheine und offizielle Dokumente für den Staat hergestellt hat. In der Zeit von 2009 bis 2011, als Vizepräsident Amado Boudou Wirtschaftsminister war, wurde der Familienbetrieb durch Steuerforderungen in den Konkurs getrieben und danach von einem mysteriösen Investitionsfonds mit dem Namen „The Old Fund“ aufgekauft. Wer dessen Aktionäre sind, ist ebenso unbekannt wie die Herkunft der umgerechnet mehr als acht Millionen Euro, für die der Fonds die Druckerei erworben hat.

          Sie nennt sich inzwischen „Südamerikanische Gesellschaft für Werte“. Präsident ist der belgische Anwalt und Unternehmer Alejandro Vandenbroele, mutmaßlich ein langjähriger Bekannter Boudous. Das Unternehmen hat sehr bald einen Vertrag über umgerechnet 30 Millionen Euro erhalten, um dafür 400 Millionen Hundert-Peso-Scheine zu produzieren. Danach sollte noch einmal eine Serie von 800 Millionen Scheinen im gleichen Nominalwert aufgelegt werden. Der Hundert-Peso-Schein hat derzeit einen Gegenwert von etwa 18 Euro, es ist der größte Schein, der in der argentinischen Währung verfügbar ist. Regierung und Zentralbank weigern sich beharrlich, Scheine mit höheren Werten als hundert Pesos bereitzustellen, weil sie nicht zugeben wollen, dass die Inflation das Geld entwertet hat.

          Nicht allein die größere Zahl an Scheinen versprach dem Betrieb mit dem Hunderter-Druckauftrag einen höheren Gewinn. Vandenbroele hatte offenbar auch das teuerste Angebot abgegeben und dennoch den Zuschlag erhalten. Doch als die ersten Scheine die Druckmaschinen verließen, war die Enttäuschung groß. Die Hunderter wiesen eine Reihe von Fehlern auf und waren unbrauchbar. Da das Geld aber dringend benötigt wird, ging der Auftrag an die staatliche Casa de Moneda, die auch die Druckplatten zur Verfügung gestellt hatte (und auch für die Herstellung von Pässen und Material für die Spielbanken zuständig ist). Doch dort lähmen seit geraumer Zeit Streiks und andere Protestaktionen des Personals die Produktion. Vor allem jene Arbeiter, die speziell mit dem Drucken von Geldscheinen zu tun haben, verlangen die Wiedereinführung einer Sondervergütung von 30 Prozent ihres Gehalts, die in den neunziger Jahren abgeschafft worden war.

          Die Lage hatte sich noch einmal zugespitzt, als die Direktorin, eine enge Vertraute von Vizepräsident Boudou, einer Gruppe von fast 40 Angestellten kündigte. Seitdem fordern die Mitarbeiter nicht nur die Gehaltserhöhung, sondern auch die Wiedereinstellung ihrer Kollegen. Mit einer einstweiligen Zwangsschlichtung hat das Arbeitsministerium in dem Konflikt inzwischen eine Pause angeordnet. Daneben laufen auch noch die Ermittlungen gegen Boudou wegen mutmaßlichen Amtsmissbrauchs, Geldwäsche und illegaler Bereicherung. Sie kommen aber nur schleppend voran. Sollte Boudou für schuldig befunden werden, würde dies Präsidentin Kirchner, die ihn als ihren Stellvertreter erwählt hatte, in Bedrängnis bringen.

          Immer dringender werden neue Hundert-Peso-Scheine gebraucht. Die staatliche Münze hat deshalb auf eine Reserve zurückgegriffen, die vor mehr als einem Jahr angelegt worden war. Damals war schon einmal akuter Mangel an den Scheinen entstanden. Da sich die Druckerei Ciccone gerade in Konkurs befand, hatte man die Sonderserie in Brasilien drucken lassen. Doch war eine große Zahl der „brasilianischen“ Scheine falsch beschnitten worden, so dass am linken Rand statt „100“ nur „00“ zu lesen ist. Der Mangel an Hundertern ist aber offenbar so groß, dass auch etliche der fehlerhaften Scheine in Umlauf gebracht wurden.

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