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Argentinien : Gewissheit nach Jahrzehnten

  • -Aktualisiert am

Wahrscheinlich einst ein junger Mann „mit dunklem Teint”: Luis Fondebrider und eine Kollegin bei der Identifizierung des Skeletts aus Santiago del Estero Bild:

Die argentinischen Gerichtsanthropologen sind Pioniere in der Bergung und Identifizierung von Opfern aus den Massengräbern des Staatsterrors. Ihre Aufklärungsarbeit ermöglicht es den Verwandten und Freunden der während der Diktatur Verschwundenen, die Suche endlich abzuschließen.

          „Die Person hat einen Sturz aus sehr großer Höhe nicht überlebt“, sagt der Anthropologe Luis Fondebrider, während er zusammen mit einer Kollegin einen menschlichen Schädel gründlich untersucht. Auf der mit einem schwarzen Tuch ausgeschlagenen Bahre liegt ein nahezu vollständiges Skelett. Der Schädel besteht aus mehreren Bruchstücken. Ein Teil scheint zu fehlen. Auch die Fußknochen sind nicht ganz komplett. Die sterblichen Überreste eines jungen Mannes stammen aus der Provinz Santiago del Estero. Dort hat man sie auf einem Friedhof aus einem Namenlosengrab exhumiert. Nun warten die Gebeine im Labor der „Arbeitsgruppe der argentinischen Gerichtsanthropologen“, der EAAF, in Buenos Aires darauf, einem Menschen zugeordnet zu werden.

          Im Labor des Instituts bestimmen die Wissenschaftler das „biologische Profil“ des Toten, sein Geschlecht, das Alter, die Statur. An den Knochen suchen sie nach anatomischen Besonderheiten und nach Spuren, die Krankheiten noch zu Lebzeiten, „ante mortem“, hinterlassen haben. Sie tragen alle Elemente zusammen, die bei der Identifizierung des namenlosen Toten hilfreich sein könnten. Dazu rekonstruieren sie vor allem die Struktur des Gebisses. Schließlich versuchen sie die Todesursache zu ermitteln. In vielen Fällen geben Schussverletzungen an den Knochen oder gar Reste von Projektilen eindeutige Auskunft.

          Fachleute aus Anthropologie, Archäologie, Medizin und Genetik

          Bei dem Skelett aus Santiago del Estero handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um jenen jungen Mann „mit dunklem Teint“, dessen Leiche 1975 von einem Polizisten in der Nähe des Dorfes Pozo Hondo in der Provinz Santiago entdeckt wurde. Damals, Monate vor dem Staatsstreich vom 24. März 1976, war die Unterdrückung aufständischer Gruppierungen in Argentinien schon voll in Gang. Der Körper war, wie der Polizist berichtete, aus einem Militärhubschrauber abgeworfen worden. Erst ein Jahr später wurde er geborgen und auf dem Friedhof des Dorfes als namenloser Toter begraben. Doch bis heute weiß niemand, wie der junge Mann hieß, woher er stammte und welches Schicksal er vor seinem gewaltsamen Tod erlitten hat.

          Gerichtsanthropologen versuchen, die Todesursache zu ermitteln

          Luis Fondebrider greift nach einem Oberschenkelknochen, aus dem ein etwa vier Zentimeter langes Stück herausgesägt worden ist. Zusammen mit einem Zahn wurde die Knochenprobe nach Córdoba geschickt. Dort befindet sich das gentechnische Labor. Seit 1991 ist die Genanalyse zum wichtigsten und präzisesten Hilfsmittel geworden, um die sterblichen Überreste in der Diktatur getöteter und als „verschwunden“ geltender Personen zu identifizieren. Die Proben von den Gebeinen werden mit den Genmustern der Familienmitglieder von Opfern abgeglichen, die bei der EAAF hinterlegt sind. Inzwischen ist aus den Blutproben und aus den Auskünften der Angehörigen über ihre vermissten Verwandten eine umfangreiche Datenbank entstanden.

          Die Arbeitsgruppe ist ein interdisziplinärer Zusammenschluss von 50 Fachleuten aus Anthropologie, Archäologie, Medizin und Genetik. Vor 27 Jahren, kurz nach der Rückkehr Argentiniens zur Demokratie, haben sie sich zusammengefunden. Die Justiz, die damals die Juntamitglieder wegen der Menschenrechtsverletzungen und anderer in der Diktatur begangener Verbrechen zur Rechenschaft zog, ordnete in großem Umfang die Exhumierung von Opfern des Staatsterrors an.

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