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Argentinien : Gemeinsame Albträume

  • -Aktualisiert am

Die „Mütter” bei einer Demonstration Anfang Juni in Buenos Aires Bild: AFP

Die „Mütter der Plaza de Mayo“ sind aus dem demokratischen Argentinien kaum wegzudenken. Nun bringt der plötzliche Reichtum eines „Bevollmächtigten“ die Menschenrechtsorganisation in Bedrängnis - und mit ihr die Regierung.

          Sergio Schoklender hat viele Gesichter. Auf Zeitungsfotos erschien er meist mit Mehrtagesbart und Sonnenbrille, wenn er an der Seite von Hebe de Bonafini, der Chefin der „Mütter der Plaza de Mayo“, Neubauwohnungen in argentinischen Elendsvierteln übergab. Dann äußerte er sich voller Stolz über dieses wohltätige Werk. Er war im Auftrag der „Mütter“ der Bauherr in dem von der Regierung des Präsidentenehepaares Kirchner finanzierten Urbanisierungsprogramm in den „Villas“, den Armutsquartieren in Argentinien. Es gibt außerdem den Sergio Schoklender, der sich als Neureicher brüstete, sich „einen Ferrari“ leisten zu können, und der im Namen der „Mütter“ zwei Sportwagen, fünf Yachten, zwei Flugzeuge und mehrere Immobilien erstand – ohne erklären zu können, wie diese Erwerbungen finanziert wurden. Und schließlich gibt es den wegen Mordes vorbestraften Sergio Schoklender, der zusammen mit seinem Bruder Pablo vor dreißig Jahren auf brutale Weise seine Eltern erschlagen hat und deshalb rechtskräftig verurteilt jahrelang im Gefängnis saß.

          Als der Bärtige mit den kurzen Haaren plötzlich seine Funktion bei den „Madres de la Plaza de Mayo“ als Bevollmächtigter für das Wohnungsprogramm aufgab, überließ er den Job zunächst seinem Bruder. Der jedoch wurde zusammen mit 16 weiteren Personen sogleich entlassen. Das Gebaren der Schoklenders hatte sich zu einem Skandal ausgeweitet, der nicht nur die Reputation der „Mütter“ beschädigte, sondern auch die Regierung in Bedrängnis brachte, mit unabsehbaren Folgen für die mögliche Absicht der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, sich bei den Wahlen im Oktober im Amt bestätigen zu lassen. Die Justiz begann gegen Schoklender und andere Verdächtige wegen Geldwäsche und anderer Delikte zu ermitteln, hat Hausdurchsuchungen angeordnet und ein Ausreiseverbot verhängt.

          Die „Madres“ sind eine ehrenwerte Institution in Argentinien. In ihr haben sich jene Mütter zusammengefunden, die noch heute ihre in der Militärdiktatur (1976 bis 1983) verschwundenen Kinder suchen. In der „bleiernen Zeit“ liefen die Frauen jeden Donnerstag auf der Plaza de Mayo vor der Casa Rosada, dem Regierungsgebäude in Buenos Aires, stumm im Kreis, um damit für die Wiederkehr ihrer Söhne und Töchter zu demonstrieren. Einige Mütter, unter ihnen die einstige Gründerin der Organisation, Azucena Villaflor, sind selbst Opfer des Terrors geworden. Auch heute tragen die durchweg hoch betagten Frauen ein weißes Kopftuch als ihr Erkennungssymbol. Und noch immer drehen sie jeden Donnerstag ihre Runden.

          Hebe de Bonafini, Chefin der „Mütter der Plaza de Mayo”

          Die Kirchners unterstützten die Mütter immer

          Die Regierungen des inzwischen verstorbenen früheren Präsidenten Néstor Kirchner und dessen Frau Cristina, die ihm 2007 in dem Amt nachfolgte, haben die „Mütter“ unterstützt, um ihre Bereitschaft zur Aufarbeitung der in der Militärdiktatur begangenen Greueltaten zu unterstreichen. Sie haben der Menschenrechtsorganisation verschiedene Sozialprojekte anvertraut, darunter das umfassende Wohnungsbauprogramm „Gemeinsame Träume“, mit dem Elendsviertel in der Hauptstadt Buenos Aires und in verschiedenen Provinzen urbanisiert werden sollen. Die „Mütter“, die von den Kirchners bei feierlichen Anlässen gern als Ehrengäste in der ersten Reihe positioniert wurden, haben über das Ministerium des einflussreichen Planungschefs Julio de Vido Millionenbeträge für das Programm erhalten. Für die Wohneinheiten sind über Schoklenders Baufirma „Meldorek“ mutmaßlich zu hohe Preise abgerechnet worden.

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