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Argentinien : Der Reichtum der Pinguine

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Das argentinische Präsidentenehepaar: Néstor und Cristina Kirchner Bild: AP

Cristina Kirchner pflegt den Kapitalismus als egoistisch, korrupt und ausbeuterisch zu geißeln. Aber das Vermögen des argentinischen Präsidentenehepaars hat sich zwischen 2003 und 2007 fast verdreifacht. Die Kirchners zwischen Rhetorik und Realität.

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          Kürzlich musste das argentinische Präsidentenehepaar Cristina und Néstor Kirchner eine Moralpredigt Papst Benedikts XVI. über die „skandalöse“ Armut in Argentinien über sich ergehen lassen. Der Kardinal-Primas in Buenos Aires Jorge Bergoglio setzte mit ähnlichen Worten nach, und andere kirchliche Würdenträger korrigierten den von der Regierung publizierten Anteil von 15 Prozent der Personen, die in Argentinien angeblich unterhalb der Armutsgrenze leben, auf 40 Prozent.

          Néstor Kirchner pflichtete der katholischen Geistlichkeit bei und sagte, Armut und sozialer Ausschluss aus der Gesellschaft seien „immer ein Skandal“. Frau Kirchner spricht gern von ihrem politischen „Modell“, das soziale Gerechtigkeit bringe und den armen Bevölkerungsschichten die Eingliederung in die Gesellschaft ermögliche. Außerdem pflegt sie den Kapitalismus als egoistisch, korrupt und ausbeuterisch zu geißeln.

          Vermögen verdreifacht

          Doch fast zur gleichen Zeit, als die päpstliche Standpauke bekannt wurde, kursierten in Argentinien Zahlen, die den Landsleuten des Präsidentenpaares offenbarten, wie es das Präsidentenehepaar wirklich mit dem Kapitalismus hält. Zwischen 2003, als Néstor Kirchners Amtszeit begann, und 2007, als Cristina Fernández de Kirchner als seine Nachfolgerin die Regierungsverantwortung übernahm, hatte sich das Vermögen der beiden, ihrer eidesstattlichen Erklärung entsprechend, von umgerechnet 1,25 Millionen Euro auf 3,2 Millionen Euro fast verdreifacht. Noch verwunderlicher war der Sprung auf 8,5 Millionen Euro Ende vorigen Jahres, mitten in der Finanzkrise.

          Arm waren die Kirchners nie. Schon als Anwälte hatten sie in ihrer Heimatprovinz Santa Cruz eifrig Immobilien gekauft und vermietet. Während der zwölf Jahre von 1991 bis 2003, in denen Néstor Kirchner Gouverneur der patagonischen Region war, mehrten die beiden ihr Vermögen stetig. Der Verkauf von 16 Häusern und Wohnungen erklärt den jüngsten Kapitalzuwachs - allerdings nur teilweise. Ihren patagonischen Wohnsitz haben die Kirchners von Río Gallegos, der Hauptstadt der Provinz Santa Cruz, nach El Calafate verlegt. Dort pflegen sie auch als Präsidentenpaar lange Wochenenden und Ferientage zu verbringen. Sie sind „Pinguine“ geblieben, wie sie selbst sagen, auch wenn sie nach Buenos Aires ziehen mussten.

          Eine praktische ideologische Lektion

          Seit der neue Flughafen Ende 2000 in Betrieb genommen wurde, ist El Calafate zu einem der beliebtesten Touristenorte in Argentinien geworden, schon deshalb, weil es nahe dem Perito-Moreno-Gletscher liegt. Kein Wunder also, dass die Kirchners an dem Boom teilhaben wollten. Im Jahr 2005 kauften sie ein 60.000 Quadratmeter großes Gelände zum Vorzugspreis von 69 Euro-Cent je Quadratmeter, den ihnen der Bürgermeister Néstor Méndez zugestand, und veräußerten es im Jahr darauf für 50 Euro je Quadratmeter. Danach erwarben sie für den gleichen niedrigen Kaufpreis noch einmal 129.000 Quadratmeter und verkauften sie für einen Betrag von 50 bis 57 Euro je Quadratmeter. Die Gewinne investierte das Präsidentenpaar unter anderem in zwei Hotels.

          „Das verdiente Paar ist nicht aus Habsucht reich geworden, sondern weil es seinem Volk eine praktische ideologische Lektion erteilen wollte.“ Diese Worte stammen weder von einem Politiker noch von einem Wirtschaftsguru, sondern von einem Literaten. Den peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der selbst einmal in seinem Land Präsident werden wollte, aber von seinem Konkurrenten Alberto Fujimori ausgestochen wurde, hat der plötzliche Reichtum des Pinguin-Paars so sehr fasziniert, dass er jetzt, zunächst in der spanischen Zeitung „El País“ und darauf in dem argentinischen Blatt „La Nación“, eine lange Abhandlung darüber veröffentlicht hat.

          Eine immense Kapitalflucht

          „Niemand, der die Macht ausübt, wird daran gehindert, eigenen Besitz aufzubauen und dafür zu sorgen, dass er gedeiht, denn das ist die Essenz des Kapitalismus“, zitiert Vargas Llosa in seinem ironiegetränkten Aufsatz das Sprachrohr des Präsidentenpaars, den Kabinettschef Aníbal Fernández, und schreibt: „Die Herzen der beiden Kirchners schlagen links (nur ihre Geldbeutel und die Kleider von Doña Cristina sind rechts), und deshalb haben sie während ihrer Regierungszeit nicht nur viele Kapitalisten beleidigt, sondern ihnen auch übel mitgespielt, haben sie nationalisiert, zermürben sie mit Maßregelungen und neuen Steuern.“

          Das Ergebnis, resümiert Vargas Llosa, ist eine immense Kapitalflucht. Allein im ersten Halbjahr 2009 seien 7,86 Milliarden Euro außer Landes gebracht worden. Trotzdem lobt er das Präsidentenpaar: „Das sind wahrhaftige, wagemutige, findige, kreative Kapitalisten, denen es gelingt, ihre Einkünfte ins Unendliche zu steigern, während alle in ihrer Umgebung das verlieren, was sie besaßen und was ihnen nicht gehörte. So zeigt sich, dass das System Ressourcen und Schleichpfade hat, um das größte Unheil zu überstehen und auch noch zu prosperieren.“

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