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Vier-Tage-Woche : Spinnen die Finnen?

Wellness nach finnischem Vorbild: Wer kürzer arbeitet, hat mehr Zeit für anderes. Bild: obs

Eine Vier-Tage-Woche für alle ist verlockend, wäre politisch aber ein falsches Signal. Und manches lässt sich im echten Büro besser erledigen als im Home Office.

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          Was aus Finnland kommt, kann ja eigentlich nur vorbildlich sein. Finnisches Schulsystem, finnisches Design, finnische Sauna: alles top. Jetzt hat das sympathische Land im Norden auch noch eine sympathische junge Ministerpräsidentin mit dem schönen Namen Sanna Marin und einer noch schöneren Idee: eine Vier-Tage-Woche! Für alle! Mit nur sechs Stunden Arbeit am Tag! Als die Nachricht heraus war, hagelte es Herzen in den sozialen Netzwerken.

          Leider stellte sich schnell heraus, dass Finnland nicht gleich morgen damit anfängt. Sanna Marin hat so eine Idee zwar mal geäußert, allerdings zu einer Zeit, als sie noch lange nicht Ministerpräsidentin war. Die finnische Botschaft in Berlin stellte klar: Die ursprüngliche Aussage von Marin „wurde bereits im Vorjahr getroffen und ist nicht offizieller Teil der Regierungspolitik“. Außerdem habe sie „nicht eine gleichzeitig reduzierte Arbeitswoche und einen verkürzten Arbeitstag vorgeschlagen“.

          Trotzdem rissen die Gespräche über weniger Arbeit in Deutschland nicht ab. Kein Wunder, schließlich haben die meisten Menschen noch andere Dinge zu tun, Schlaf, Liebe, Sport, Ehrenamt, kleine Kinder, alte Eltern. Oder Finnisch lernen an der Volkshochschule. Einige Unternehmen haben schon kürzere Wochen und straffere Tage getestet. Microsoft in Japan schickte die Angestellten einen Monat lang schon donnerstags ins Wochenende. Angeblich war das Unternehmen in dieser Zeit produktiver als sonst. Zumindest lief es so gut, dass der Versuch wiederholt werden soll.

          Wie gut sich Software-Spezialisten in Japan mit deutschen Mittelständlern vergleichen lassen, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass auch Unternehmen hierzulande alle möglichen Modelle durchtesten. Und wie so oft sind die Erfahrungen mal so, mal so. Die eine Chefin stöhnt, ihr habe noch nie so sehr der Kopf geschwirrt wie nach den hektischen Sechs-Stunden-Tagen. Weil das Team alles, was es sonst in acht Stunden wegschaffte, in sechs zusammenpresste. Andere dagegen sehen eher die Luft, die aus ihrer Arbeitszeit abgelassen werden könnte. Sie straffen Konferenzen, nutzen für Absprachen digitale Chat-Kanäle, lassen Mitarbeiter mobil arbeiten und setzen einfach darauf, dass jeder, der nicht länger bleiben muss als nötig, auch motivierter ist.

          Voller Lohnausgleich?

          Vieles davon wird jeder bestätigen, der schon einmal in Teilzeit gearbeitet hat. Gleichzeitig wissen gerade diese Berufstätigen, dass alle diese Modelle auch Grenzen haben. Manche Dinge lassen sich im echten Büro schneller und besser erledigen als im Home Office. Und Produktivität entsteht nicht nur beim Produzieren, sondern auch in Muße-Momenten zwischendurch.

          Deshalb schießt auch ein Vorstoß der Linken-Fraktion im Bundestag über das Ziel hinaus. Die Abgeordneten wollen eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. So ein Beschluss wäre viel zu starr und nicht nur für die Wirtschaft verheerend, sondern auch politisch ein falsches Signal. Es ist erfreulich, dass die Finnen, wenn auch ungewollt, das Herumspinnen rund um kürzere Arbeitszeiten in Deutschland beflügelt haben.

          Wenn daraus sinnvolle, passgenaue Modelle entstehen, ist das gut. Vor lauter Freizeit-Euphorie sollte aber niemand vergessen, dass es durchaus Menschen gibt, die ihren Job so gerne machen und so wichtig finden, dass ihnen vier Tage dafür nicht reichen. Und sechs Stunden auch nicht.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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