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Arbeitsmigranten in Russland : Parole Joghurt

  • -Aktualisiert am

Anziehungskräfte: Tadschikische Gastarbeiter in Moskau Bild: Timo Vogt/est&ost/JOKER

Präsident Wladimir Putin will die Zahl der Arbeitsmigranten in Russland begrenzen. Tausende wurden schon abgeschoben. Andere müssen Prüfungen bestehen. Unsere Korrespondentin hat einige Bewerber dabei begleitet.

          5 Min.

          Die jungen Kerle, die kichernd aus dem Prüfungsraum kommen, haben schon lange auf keiner Schulbank mehr gesessen. „Wir hätten auch nicht gedacht, dass wir es noch einmal müssen“, sagt Michail Posdnjakow, ein langhaariger Mann Anfang dreißig. Er kommt aus Transnistrien, besitzt aber einen ukrainischen Pass. Posdnjakow arbeitet als Tischler. Vor acht Jahren ging er nach Moskau, weil es in der aufstrebenden und sich ständig ausdehnenden russischen Hauptstadt immer irgendwo ein paar Rubel zu verdienen gibt. Inzwischen arbeitet er in einer Firma, die Möbel baut, Fenster und Türen. Sein Chef beschäftige viele „Gastarbeiter“, sagt Posdnjakow. So werden die Arbeitsmigranten in Russland bezeichnet: mit einem deutschen Lehnwort. Die meisten von Posdnjakows Kollegen stammen aus der Republik Moldau, aus Usbekistan und Tadschikistan.

          An diesem Vormittag stehen elf Arbeiter aus Posdnjakows Firma in kurzen Herbstjacken um den Kaffeeautomaten im Puschkin-Institut für russische Sprache herum. Normalerweise quälen sich in dem Plattenbau des Instituts am Südrand Moskaus ausländische Studenten durch die Tücken der russischen Grammatik. Heute haben die Möbelbauer eine Stunde lang über einem Sprachtest gebrütet, um eine für ein Jahr gültige Arbeitserlaubnis zu erhalten. Diese Auflage ist neu: Bisher mussten nur diejenigen, die bei der Arbeit ständig mit Kunden in Kontakt kommen, nachweisen, dass sie einigermaßen russisch sprechen. Doch nun trifft es alle Migranten, die in Russland arbeiten wollen. Die Behörden rechnen im kommenden Jahr mit mindestens 3,5 Millionen Menschen, die den Test machen müssen. Hinzu kommen noch jene, die eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Ausgenommen sind Hochqualifizierte und Gastarbeiter, die ihren Schulabschluss noch zu Sowjetzeiten gemacht haben.

          Russlands Präsident Wladimir Putin will die Zahl der Arbeitsmigranten in Russland begrenzen. Im vergangenen Jahr forderte er seine Regierung auf, genau zu prüfen, in welchen Bereichen die ausländischen Arbeitskräfte wirklich benötigt werden. Diejenigen, die für die Wirtschaft unentbehrlich sind, sollen bleiben dürfen, aber endlich legal leben – so, „wie es sich gehört“. Deshalb werden Verstöße gegen die Einwanderungsgesetze inzwischen härter bestraft. Tausende Gastarbeiter wurden in diesem Jahr nach Tadschikistan abgeschoben. Nach Angaben der russischen Einwanderungsbehörde wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren fast Millionen Menschen die Einreise verweigert. Die Arbeiter aus Zentralasien, die bisher mit einem einfachen Inlandspass ihres Landes die Grenze zu Russland überqueren durften, sollen vom kommenden Jahr an verpflichtet werden, mit einem Auslandspass einzureisen. Arbeiter sollen sich zudem krankenversichern und müssen den Sprachtest absolvieren, den man in 400 Testzentren in ganz Russland ablegen können soll.

          Sprachprüfung befindet sich in Testphase

          Auf dem Testbogen für den schriftlichen Teil der Prüfung, den Podnjakow und seine Kollegen ausgefüllt haben, kann man meistens aus drei Antworten wählen. Die Prüfung entspricht dem europäischen Sprachniveau A2. Besonders schwierig ist das nicht. Auf die Aufforderung „Probieren Sie unseren neuen Joghurt!“ sollte man nicht „Guten Morgen!“ antworten oder „Bitte gehen Sie weiter!“, sondern „danke“. Für den Tischler Posdnjakow, dessen Muttersprache Russisch ist, sind solche Fragen albern. Auch die beiden tadschikischen Kollegen schlagen sich wacker und lächeln optimistisch. Aber es gibt durchaus Migranten, gerade jüngere Männer aus Zentralasien, für die die russische Sprache eine große Hürde darstellt. Für sie wäre der Test vielleicht ein Hinderungsgrund, um legal in Russland zu arbeiten.

          Wirklich verpflichtend wird die Sprachprüfung erst vom kommenden Jahr an, doch seit Anfang September läuft eine Testphase, in der man den Test bereits ablegen kann. Podnjakows Chef hat seine Männer frühzeitig hingeschickt, um dem System ein Schnippchen zu schlagen. Denn kommendes Jahr werde es noch komplizierter, erklärt der junge Tischler. Dann müssen Arbeitsmigranten einen ganzen Prüfungskomplex ablegen, zu dem auch ein Wissenstest in russischer Geschichte und Gesetzgebung gehört. „Das mit der Sprache kann man ja noch verstehen“, sagt Posdnjakow. „Aber warum wir nun wissen müssen, wann Iwan der Schreckliche geboren ist, das fragen wir uns schon.“ Posdjakows Kollegen feixen, wenn sie sich ausmalen, wie sie abendelang pauken, um sich Dinge zu merken, die – so glauben sie – kein normaler Russe weiß. Zum Glück erneuern sie ihre Arbeitserlaubnis jetzt noch schnell und haben erst einmal wieder ein Jahr lang Ruhe.

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