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Antonis Samaras : Die panhellenische Nervensäge

Antonis Samaras Bild: David Smith

Als griechischer Außenminister stritt Antonis Samaras einst gegen Mazedonien. Heute bekämpft der Ministerpräsident die griechischen Schulden. Deutschland hält er dabei für ein notwendiges Übel.

          4 Min.

          Wer von Antonis Samaras erzählt, sollte bei Emmanouil Benakis anfangen. Dann beginnt die Erzählung auf der Insel Syros, wo Benakis 1843 geboren wurde. Von dort führt sie nach Alexandria, wo er als Baumwollhändler zu Reichtum gelangte, und dann weiter nach Athen, wo er 1914 Bürgermeister wurde und 1929 als hochangesehener Mäzen und Philanthrop starb. Benakis hatte sechs Kinder, von denen einige wie ihr Vater eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben Griechenlands spielten. Die 1874 noch in Alexandria geborene Tochter Penelope machte sich als Schriftstellerin einen Namen und heiratete Stephanos Delta, einen reichen Phanarioten. Sie schrieb außer Kinderbüchern auch patriotische Romane über den Kampf der Griechen um Makedonien im 19. Jahrhundert. Penelope Delta setzte ihrem bewegten Leben im April 1941 ein Ende - an dem Tag, als die Wehrmacht in Athen einmarschierte. Sie hinterließ drei Töchter, von denen Virgina einen Berufspolitiker heiratete. Penelope Deltas Enkel Pavlos wurde als Kunstkritiker und Übersetzer Prousts ins Griechische bekannt. Ihre 2008 verstorbene Enkelin Lena wiederum war die Mutter von Antonis Samaras, des heutigen griechischen Ministerpräsidenten.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Wer diese weitverzweigt-großbürgerliche Familiengeschichte ein wenig kennt, wird den Mann, der die Griechen aus einer der schwersten Krisen ihrer jüngeren Geschichte führen soll, besser verstehen. Dass Samaras’ Ahnen das Schicksal der Griechen seit dem Unabhängigkeitskampf gegen die Osmanen immer wieder mitbestimmt haben, erklärt nicht alles, aber doch einiges in seiner Karriere. Zum Beispiel sein stark ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein, das fast schon eine Besessenheit ist.

          Die Gelüste der Russen und Bulgaren

          Natürlich will der gebildete und eloquente Harvard-Absolvent Samaras Geschichte machen, als er 1977 im Alter von 26 Jahren sein erstes Parlamentsmandat erringt. Natürlich ziert es die Familientradition, als er Ende der achtziger Jahre im Kabinett von Konstantinos Mitsotakis erst Finanz-, dann Außenminister wird. Er ist 38 Jahre alt und bereits der populärste Politiker seiner Partei, der konservativen Nea Dimokratia. Viele halten es für ausgemacht, dass Samaras ein künftiger Ministerpräsident ist. Er auch. Klar, bei der Familie. Athener Journalisten, die ihn damals erlebten, beschreiben ihn als sehr selbstbewussten Mann, der sich sicher zu sein schien, dass er die Welt aus den Angeln heben könne. Oder zumindest Griechenland.

          Als Samaras 1989 Außenminister wird, fehlt ihm allerdings noch ein ureigenes Thema, ein populäres Leitmotiv, auf das er seinen weiteren Aufstieg gründen kann. Das ergibt sich, als 1991 Jugoslawien zerfällt und an Griechenlands Nordgrenze ein neuer Staat namens Mazedonien entsteht. Samaras erkennt die Chance und greift auf einen Topos des griechischen Nationalismus zurück, den schon seine Urgroßmutter in ihren historischen Romanen bearbeitet hatte. Er schürt die Angst der Griechen davor, dass der Norden ihres Landes, an der Scheidelinie zwischen hellenischer und slawischer Welt gelegen, verloren gehen könnte. Die Furcht vor den Gelüsten von Russen und Bulgaren, später auch der Sowjetunion oder Jugoslawiens, auf Griechenlands Anteil an der historischen Region Makedonien war im 20. Jahrhundert ein zentraler (und zeitweilig nicht unbegründeter) Bestandteil der griechischen Geschichtserzählung.

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