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„Italienisches Istrien“ : Tajanis Entgleisung empört Kroaten und Slowenen

EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani Bild: Reuters

Bei einer Gedenkfeier lässt EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani das „italienische Istrien“ und das „italienische Dalmatien“ hochleben. In Slowenien und Kroatien kommt das gar nicht gut an.

          Ende März 2004 verabschiedete das Parlament in Rom das Gesetz zur Einführung des „Giorno del Ricordo“: Jedes Jahr wird seither am 10. Februar, dem nationalen „Tag der Erinnerung“, der Todesopfer der sogenannten Foibe-Massaker und der Vertreibung der italienischen Bevölkerung aus Istrien und Dalmatien gedacht. So war es auch heuer wieder. Staatspräsident Sergio Mattarella hielt bei der zentralen Gedenkveranstaltung im Quirinalspalast eine tadellose Rede.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Dabei beklagte er nicht nur die Ermordung und Vertreibung italienischer Zivilisten in den slowenischen und kroatischen Adria-Regionen durch Titos Partisanen in den Jahren 1943 bis 1945. Er geißelte auch den „durch nichts zu rechtfertigenden Vorhang des Schweigens“, der sich in den Jahren des Kalten Krieges und auch später noch über dieses Kriegsverbrechen gesenkt habe.

          Normalerweise vor allem ein akademischer Disput

          Das Wort „foiba“ (Mehrzahl „foibe“) bezeichnet im Italienischen eine Doline, eine Sinkhöhle in karstigem Gelände. In diesen Sinkhöhlen im istrischen und dalmatinischen Karst wurden nach Schätzungen italienischer Historiker zwischen 6000 und 11.000 italienische Opfer geworfen – die meisten nach der Exekution, manche aber auch bei lebendigem Leibe. Die Zahl der italienischen Vertriebenen wird, wiederum von der italienischen Geschichtsschreibung, auf bis zu 400.000 taxiert.

          In Slowenien und Kroatien werden diese Verbrechen an der autochthonen italienischen Bevölkerung der Adria-Region während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs längst nicht mehr verschwiegen oder gar geleugnet. Nur werden von slowenischen und kroatischen Historikern gemeinhin deutlich niedrigere Opferzahlen angegeben.

          Dieser „Opferdisput“ findet gewöhnlich in akademischen Kreisen statt und schlägt kaum je größere publizistische oder politische Wellen. Für solche Wellen sorgte in diesem Jahr allerdings EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, der zu Silvio Berlusconis konservativer Partei Forza Italia und im Straßburger Parlament zur Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) gehört.

          Salvini hielt sich an die rhetorischen Regeln

          Tajani war am 10. Februar zur Gedenkfeier am Mahnmal von Basovizza bei Triest gereist, nahe der Grenze zu Slowenien. Dort hatte auch Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega der Opfer der Foibe-Massaker sowie der ethnischen Säuberungen durch Titos Partisanen gedachte. Salvini war sichtlich bewegt, hielt bei seiner Ansprache aber den erforderlichen Sicherheitsabstand zu den Leitplanken der Gedenkrhetorik: Diese Barrieren sollen verhindern, dass die gewöhnlich in entgegengesetzter Richtung fließenden nationalen „Erinnerungsverkehre“ kollidieren.

          In die Planken krachte jedoch EU-Parlamentspräsident Tajani, der zum Abschluss seiner Ansprache rief: „Es lebe Triest! Es lebe das italienische Istrien, es lebe das italienische Dalmatien! Und es leben die italienischen Exilierten!“

          In den Nachbarländern Slowenien und Kroatien kamen Tajanis Viva-Rufe von Basovizza nicht gut an. Kroatiens Ministerpräsident Andrej Plenkovic, dessen Partei HDZ wie die Forza Italia zur EVP gehört, verurteilte Tajani „aufs Schärfste“. Sloweniens Regierungschef Marjan Sarec zieh den EU-Parlamentspräsidenten des „historischen Revisionismus“. Auch die ebenfalls aus Slowenien stammende EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc beklagte die „Verdrehung historischer Fakten“ durch Tajani. Istrien und Dalmatien waren nach dem Zweiten Weltkrieg Teil des sozialistischen Jugoslawiens, seit dem Zerfall des Tito-Staates von 1991 gehören die Regionen zu den jugoslawischen Nachfolgestaaten Slowenien und Kroatien. Italienisch jedenfalls sind sie nicht, auch wenn es dort bis zum Zweiten Weltkrieg eine autochthone italienische Bevölkerung gab und noch heute eine italienische Minderheit gibt.

          Tajani gab sich zunächst trotzig, ließ wissen: „Geschichte ist Geschichte.“ Später folgten mehrere Entschuldigungen. Er bedauere es, „wenn meine Worte missverstanden wurden“, sagte Tajani: Statt Gebietsansprüche anzumelden habe er vielmehr den „Weg zu Frieden und Aussöhnung“ zu weisen versucht. Es tue ihm leid, „Worte benutzt zu haben, die die Mitbürger verletzten“, versicherte der EU-Parlamentspräsident.

          Und zum Zeichen seines Aussöhnungswillens nahm Tajani die Einladung von Verkehrskommissarin Bulc an, mit ihr die nahe Basovizza und Triest liegende Gedenkstätte des ehemaligen deutsch-italienischen Konzentrationslagers Risiera di San Sabba zu besuchen. In dem Lager waren unter deutscher Leitung von 1943 bis 1945 zwischen 3000 und 5000 Menschen ermordet worden: italienische Widerstandskämpfer und jugoslawische Partisanen, aber auch Juden und Antifaschisten.

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