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António Guterres : Die globale Ordnung versagt

  • -Aktualisiert am

Eine Frau mit Baby auf dem Rücken wird im Dezember 2021 in Johannesburg, Südafrika, geimpft. Bild: Reuters

Die Gräben in der Welt werden immer tiefer. Wir sehen sie überall – etwa in der ungerechten Impfstoffverteilung und in einem Wirtschaftssystem, das Arme benachteiligt. Was muss sich ändern? Ein Gastbeitrag vom UN-Generalsekretär.

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          Als Generalsekretär der Vereinten Nationen verbringe ich einen guten Teil meiner Zeit in Gesprächen mit Staatslenkern und -lenkerinnen und messe den Puls globaler Entwicklungen. Es ist offenkundig, dass wir uns an einem entscheidenden Punkt in den internationalen Beziehungen befinden. Globale Entscheidungsprozesse sind zum Stillstand gekommen – und ein grundlegendes Paradox ist die zentrale Ursache.

          Viele führende Politikverantwortliche erkennen die Gefahren, die uns gemeinsam bedrohen – Covid-19, der Klimawandel, die ungezügelte Entwicklung neuer Technologien. Sie sind sich darin einig, dass diesen Gefahren begegnet werden muss. Diesem gemeinsamen Verständnis steht jedoch kein gemeinsames Handeln gegenüber.

          Tatsächlich vertiefen sich die Gräben immer weiter.

          Wir sehen sie überall: in der ungerechten und ungleichen Verteilung von Impfstoffen, in einem Weltwirtschaftssystem, das die Armen systematisch benachteiligt, in der völlig unzureichenden Reaktion auf die Klimakrise, in digitalen Technologien und einer Medienlandschaft, die von Spaltungen profitiert, und in der Zunahme von Unruhen und Konflikten in aller Welt.

          António Guterres ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen
          António Guterres ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen : Bild: AP

          Wenn sich also die Welt in der Diagnose dieser gemeinsamen Probleme einig ist, warum schafft sie es dann nicht, ihnen wirksam zu begegnen?

          Hierfür sehe ich zwei wesentliche Gründe. Erstens: Die Außenpolitik wird oft zum verlängerten Arm der Innenpolitik.

          Als früherer Ministerpräsident weiß ich, dass Fragen von internationalem Belang trotz bester Absichten unter die Räder der Innenpolitik geraten können. Wenn es um vermeintlich nationale Interessen geht, bleibt das globale Gemeinwohl leicht auf der Strecke. Dieser Impuls ist verständlich, auch wenn er in Fällen, in denen Solidarität im Eigeninteresse eines Landes liegt, fehlgeleitet ist.

          An einem Strang ziehen

          Die Impfsituation ist ein Paradebeispiel. Es ist kein Geheimnis, dass ein Virus wie das Coronavirus keinen Halt vor Landesgrenzen macht. Das Risiko, dass neue und gefährlichere Varianten entstehen, die alle Menschen in allen Ländern treffen, lässt sich nur mindern, wenn alle geimpft werden. Anstatt jedoch der Aufstellung eines globalen Plans zur Impfung aller Menschen Vorrang einzuräumen, haben die Regierungen bislang eher das Ziel verfolgt, die Bevölkerung ihres eigenen Landes zu schützen. Mit dieser Strategie bleiben sie aber auf halber Strecke stehen.

          UN-Generalsekretär António Guterres während der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Peking neben IOC-Präsident Thomas Bach und Chinas Machthaber Xi Jinping
          UN-Generalsekretär António Guterres während der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Peking neben IOC-Präsident Thomas Bach und Chinas Machthaber Xi Jinping : Bild: AFP

          Natürlich müssen Regierungen die Bevölkerung ihres Landes schützen. Wenn sie aber nicht gleichzeitig darauf hinwirken, dass die gesamte Weltbevölkerung geimpft wird, fruchten ihre nationalen Impfpläne möglicherweise nichts, da immer neue Virusvarianten entstehen und sich ausbreiten.

          Zweitens: Viele globale Institutionen oder Regelwerke sind heute veraltet oder einfach zu schwach, und geopolitische Spaltungen verhindern die notwendigen Reformen.

          So ist etwa die Weltgesundheitsorganisation bei weitem nicht mit den Befugnissen ausgestattet, die sie benötigt, um die Bekämpfung globaler Pandemien zu koordinieren. Gleichzeitig sind mächtigere internationale Institutionen entweder bis zur Handlungsunfähigkeit gespalten – wie etwa der Sicherheitsrat – oder undemokratisch aufgebaut – wie viele unserer internationalen Finanzinstitutionen.

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