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Antiwestliche Übergriffe : Religion und Freiheit

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Die antiwestlichen Übergriffe in muslimischen Ländern sind geprägt von religiösem Eiferertum. Aber selbst in Europa gibt es weiter religiös markierte Trennungslinien, deren Konfliktpotential leicht entflammbar bleibt.

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          Noch ist nicht geklärt, inwieweit die antiamerikanischen und antiwestlichen Übergriffe in muslimischen Ländern von langer Hand geplant waren. Zumindest bei dem Angriff in Benghasi, bei dem auch der amerikanische Botschafter in Libyen zu Tode kam, scheint es sich um einen kaltschnäuzigen Terrorangriff gehandelt zu haben. Aber es besteht auch kein Zweifel daran, dass die Fäuste schwingenden, ihre Aggressivität herausbrüllenden Massen, die gegen einen unsäglichen Film protestieren, in dem Mohammeds Leben karikiert wird, von religiösem Eiferertum angetrieben werden.

          Insbesondere den Europäern, die in der Entstehung des neuzeitlichen Staates einen „Vorgang der Säkularisation“ (E. W. Böckenförde) sehen, erscheint das wie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Denn es stimmt ja: Die Freiheitsrechte, die mit dem Verfassungsstaat untrennbar verbunden sind, haben ihre Wurzel in der im 17. Jahrhundert blutig erkämpften Religionsfreiheit und im daraus folgenden Toleranzgebot.

          Konfliktpotential auch in Europa

          Es ist aber nicht Jahrhunderte her, sondern liegt gerade zwei Jahrzehnte zurück, dass in Europa, auf dem Balkan, Zehntausende in einem Krieg starben, der zwischen religiösen Gemeinschaften ausgetragen wurde - auch wenn seine wirklichen Ursachen politischer oder ökonomischer Natur waren. Und noch immer gibt es an religiös markierten Trennungslinien, etwa in Nordirland, ein Konfliktpotential, das leicht entflammbar bleibt.

          Dessen ungeachtet gelten in der westlichen Welt (in Amerika vielleicht noch am wenigsten) Glaubensinhalte als für Kunst, Satire oder Spott frei verfügbare Gegenstände. Strafgesetzliche Bestimmungen, die der Schonung religiöser Gefühle dienen sollen, sind inzwischen zu Aufforderungen geworden, an die man sich halten kann oder auch - ungestraft - nicht.

          Dass sich darunter ein Defizit verbirgt, haben nicht nur die Theoretiker des neuzeitlichen Staates vermerkt; vor kurzem hat der Schriftsteller Martin Mosebach sogar über ein strafbewehrtes Blasphemieverbot räsoniert. Dazu wird es nicht kommen, und das ist gut, aus vielen Gründen.

          Was, jenseits von Gesetzen, nötig wäre, ist ein Nachdenken darüber, ob Respektlosigkeit für sich genommen schon eine Tugend ist, ob zu der von Philosophen beschworenen „Anerkennung des Anderen“ nicht auch Zurückhaltung und Takt gehören - auf allen Seiten.

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