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Antisemitismus in Ungarn : Die fünf problematischen Prozent

Unter genauer Beobachtung: Präsident Áders Rede in der Budapester Synagoge Bild: dpa

In Ungarn fühlen sich die meisten Juden wohl, aber der Antisemitismus wächst. Sorge bereiten die hohe Zustimmungswerte für die rechtsextreme Jobbik-Partei und politische Ungeschicklichkeiten bei der Regierungspartei Fidesz.

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          Die Schönheit der Hauptstadt verblasst zusehends, je weiter der gelbe Straßenbahnwagen westwärts in die Außenbezirke von Budapest zuckelt. Die Endstation liegt zwischen Werkstätten und Industrieflächen, sie heißt „Israelitischer Friedhof“. Greise mit Hut, Männer mit Kippa und Jünglinge im Kapuzenpullover, Damen in Schwarz und Mädchen in Jeans drängen zu dem Tor, an dem ein vierschrötiger Glatzkopf mit Knopf im Ohr Ausweise kontrolliert. Auch die Polizei zeigt mit ein paar Streifenwagen und Uniformierten Präsenz.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Vor dem jüdischen Neujahrsfest am Samstag haben sich Mitglieder der jüdischen Gemeinden von Budapest versammelt, um der Toten zu gedenken, besonders derjenigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet worden sind. Der Völkermord an den europäischen Juden, der von Deutschland ausging, hat hier in besonders gedrängter Form stattgefunden. Mehr als 550.000 ungarische Juden sind binnen weniger Monate in den Tod verschleppt worden.

          Neun von zehn ungarischen Juden leben in Budapest

          Still hängt eine tiefschwarze Fahne neben dem Rednerpodest an diesem strahlend blauen Spätsommermorgen. Rabbiner István Darvas spricht davon, wie man der Ermordeten gedenken könne. Er führt anhand von Zitaten der Propheten und des Talmud aus, am besten werde man ihnen gerecht, wenn man sich auf das eigene Judentum besinne und die jüdischen Bräuche praktiziere. Das gilt besonders den jungen Leuten vor ihm. Der Rabbiner ist selbst noch nicht alt, und er ist modern. Statt Manuskriptzettel aufzulesen, klappt er nach seiner Ansprache einen Tabletcomputer zu und geht federnden Schritts in den Schatten.

          Auf hohen Betonstelen, die ein Dach tragen, sind die Namen der Ermordeten eingraviert. Doch ist dieser Friedhof nicht nur ein Erinnerungsort an ein vergangenes Judentum. Alte Grabsteine sind dort, aber auch viele, die ein Todesdatum nach 1945 tragen, und auch ganz frische Gräber. Es ist ein „lebender Friedhof“, so formuliert es Péter Feldmájer. Feldmájer steht dem Dachverband jüdischer Gemeinden Mahiszisz vor. Zwischen 100.000 und 120.000 Juden leben nach seinen Angaben in Ungarn - genau weiß man es nicht, denn die wenigsten sind religiös und in Gemeinden aktiv. Andere Schätzungen belaufen sich auf 80.000.

          Jedenfalls leben neun von zehn ungarischen Juden in Budapest. Und, wie Feldmájer nicht ohne Stolz hinzufügt: Die in Ungarn leben, sind noch die „originalen“ - anders als in Deutschland, wo die jüdische Gemeinschaft erst wieder durch Zuzug aus dem Osten angewachsen ist, oder in Frankreich durch Belebung aus dem Süden. Andererseits haben viele von ihnen in der kommunistischen Zeit ihre Beziehung zu den jüdischen Traditionen verloren; darauf bezog sich wohl der junge Rabbiner.

          Zahlreiche Berührungspunkte zu „den Konservativen“

          Zu „95 Prozent“ könne man in Ungarn ein ganz normales und glückliches, gutes jüdisches Leben führen, sagt Feldmájer. Man habe 40 Synagogen, es gebe jüdische Schulen, Kliniken, Wohlfahrtsvereine oder Jugendklubs. Das ist ihm wichtig, gerade weil Journalisten meist nur nach den „fünf Prozent“ fragen; die seien allerdings „ernsthaft problematisch“. Das seien die antisemitischen Vorfälle der jüngeren Zeit: geschändete Friedhöfe, ein öffentlich beschimpfter Rabbiner, ein Schauspieler, den ein Gemeinderat nicht bei einer Veranstaltung dabeihaben will - mit dem Hinweis, dass er Jude sei. Die rechtsextreme und antisemitische Jobbik-Partei hat eine Zustimmung von annähernd 20 Prozent. „Hauptproblem ist der Anstieg von antisemitischen Stimmen in den zwanzig Jahren seit dem Fall des Kommunismus. Der rechte Flügel wird stärker und stärker, und niemand hat in den vergangenen Jahren das verhindern können.“ Und das seien nicht nur ein paar verirrte Rechtsextreme und verrückte Jugendliche. „Sie haben so viele hochgebildete Leute, Lehrer und Professoren. Sie bringen den Kindern bei, andere zu hassen.“ Und es gebe zahlreiche Berührungspunkte und unscharfe Übergänge zu „den Konservativen“.

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