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Antisemitismus in Frankreich : Zielscheibe eines tiefen Hasses

Teilnehmerinnen einer propalästinensischen Demonstration in Paris Bild: AFP

Tausende Franzosen demonstrieren teilweise gewalttätig gegen Israels Militäroperation in Gaza – und versetzen jüdische Gemeinden in Angst und Schrecken.

          Sie schwenken palästinensische Fahnen und Spruchbänder, auf denen steht: „Israel Mörder, Hollande Komplize!“ Manche führen das Banner der Hamas oder der Hizbullah mit sich. Ihr Schlachtruf lautet „Allahu Akbar!“ In allen großen französischen Städten, in Lyon, Toulouse, Lille, Marseille und Straßburg haben sich in den vergangenen Tagen Zehntausende Franzosen aus Protest gegen die israelischen Militäroperationen versammelt. In Paris trommelte am Mittwoch das „Nationale Kollektiv für einen gerechten und dauerhaften Frieden zwischen Israelis und Palästinensern“ seine Anhänger unweit der Nationalversammlung zusammen. Die meisten der Demonstranten gehören der „sichtbaren Minderheit“ an, sie haben französische Pässe, aber ihre Vorfahren stammen aus Nord- oder Schwarzafrika.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Aufrufe für einen „gerechten und dauerhaften Frieden“ klingen versöhnlich und friedliebend, aber die Demonstranten sind es nicht immer. Am Sonntag hatten sich 7000 Franzosen aus Solidarität mit dem palästinensischen Volk im Pariser Stadtteil Barbès versammelt, der im Volksmund auch „Afrique-sur-Seine“ heißt. Zum Ende der Kundgebung zogen mehrere hundert, teils mit Baseballschlägern und Stöcken bewaffnete Demonstranten in die Rue des Tournelles, zur nahe gelegenen Synagoge. Sie wollten ihre Wut über die israelische Politik an ihren jüdischen Mitbürgern auslassen. Die Polizei, die vorgewarnt war, musste Tränengasgranaten einsetzen, um sie zu vertreiben. Die Gruppe der Unruhestifter zog weiter in die Rue de la Roquette, zur nächsten Synagoge, vor der laut Augenzeugen nur etwa ein Dutzend Polizisten Stellung bezogen hatte. Den Gläubigen blieb nichts anderes übrig, als zweieinhalb Stunden in der Synagoge auszuharren, bis das Polizeiaufgebot verstärkt und es den Ordnungshütern gelungen war, die Demonstranten zu vertreiben. „Diese Wartezeit war unglaublich traumatisierend für die Leute im Innern der Synagoge, während draußen der Pöbel tobte. Ein Neunzigjähriger hat mir mit Tränen in den Augen anvertraut, das habe in ihm die Erinnerung an die Reichskristallnacht geweckt“, sagte der neue französische Großrabbiner Haim Korsia. Die französischen Juden seien Zielscheibe eines „tiefen Hasses“, sagte Korsia der Zeitung „Libération“.

          Antisemitismus in Frankreich

          Die Eskalation des Nahost-Konflikts liefere nur den geopolitischen Vorwand für diesen Ausbruch der Gewalt. Es sei an der Zeit, diesen Judenhass nicht länger zu verschweigen oder zu verharmlosen. „Es gibt einen Judenhass in Frankreich. Ein Teil der Bevölkerung, zum Glück nur ein kleiner Teil, hegt einen Judenhass, den er in die Gewänder des Antizionismus kleidet“, sagte der Großrabbiner. Bei der Demonstration seien Schlachtrufe wie „Tod den Juden!“ und „Die Juden raus!“ geschrien worden. Das habe mit dem Konflikt im Nahen Osten nichts zu tun.

          Von einem „einmaligen, ungeheuerlichen Vorgang“ spricht auch der Vorsitzende des Dachverbands der jüdischen Organisationen (Crif), Roger Cukierman. „Ich bin mehr als beunruhigt“, sagte er. Es sei inakzeptabel, dass Franzosen jüdischen Glaubens von ihren Mitbürgern in einer Synagoge gewalttätig angegriffen würden, nur weil sie jüdischen Glaubens seien. Viele Juden fühlten sich inzwischen wie eine schutzlose Minderheit. „Als ich Kind war, besuchten alle jüdischen Kinder die staatlichen Schulen. Heute sind es nur noch ein Drittel“, sagte Cukierman. Das Zusammenleben in der Republik sei gefährdet, wenn jüdische Kinder fürchten müssten, in ihrer Schulklasse aufgrund ihres Glaubens gepeinigt zu werden. Cukierman plädierte für ein Verbot propalästinensischer Demonstrationen, um keinen Vorwand für weitere Ausschreitungen zu schaffen. Präsident François Hollande empfing Cukierman am Dienstag im Elysée-Palast, aber lehnte ein generelles Demonstrationsverbot ab. „Der israelisch-palästinensische Konflikt darf nicht importiert werden“, sagte Hollande. Er werde darüber wachen, dass sich der Antisemitismus nicht ausbreite.

          Neues Integrationsmodell nötig

          Eine propalästinensische Demonstration am nächsten Samstag in Paris soll nicht gestattet werden. Innenminister Bernard Cazeneuve wies die Präfekten an, die Schutzvorkehrungen vor allen Synagogen und jüdischen Einrichtungen zu verstärken. Auch Premierminister Manuel Valls äußerte sich betroffen über das Ausmaß der Gewalt, die von den Demonstranten in Paris ausgegangen sei. Lange Zeit wollten gerade führende Sozialisten nichts von einem „neuen Antisemitismus“ wissen, der fast ausschließlich von arabo-muslimischer Seite ausgeht. Denn wichtige Organisationen der Linken wie die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF), die Linkspartei, die Neue Antikapitalistische Partei, die Menschenrechtsliga, die Antirassismusbewegung Mrap oder die Studentengewerkschaft Unef zählen zu den Antreibern der antizionistischen, propalästinensischen Lobby. „Radikale Islamisten und extreme Linke sind in Frankreich eine Allianz eingegangen“, warnte der Philosoph und Mitglied der Académie Française, Alain Finkielkraut. Für viele Linke sei die rassistische israelische Politik schuld daran, dass Araber antisemitisch geworden seien. Die radikalisierten Franzosen mit Einwanderungshintergrund würden als eine Art gute Wilde verharmlost, kritisierte Finkielkraut.

          „Es herrscht in Frankreich ein antisemitisches Klima, wie ich es noch nie erlebt habe“, sagte der Crif-Vorsitzende Cukierman. Der „republikanische Pakt“, der die Nation zusammenhalte, sei am Zerbrechen. „Frankreich ist nicht antisemitisch, aber der harte Kern der extremen Rechten wie der extremen Linken ist es ebenso wie die Jugend der Banlieue“, bemerkte der Anwalt Arno Klarsfeld. Die Zukunft der Juden in Frankreich sei düster, wenn es der Republik nicht gelinge, ihr Integrationsmodell zu erneuern. Andernfalls würden jene Juden, die es könnten, Frankreich verlassen, so der Sohn der Nazijäger Serge und Beate Klarsfeld.

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