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Antisemitismus in Frankreich : Nichts wie weg hier

Angefeindet und angegriffen: Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde von Sarcelles vor dem Naouri-Markt Bild: dapd

Der Pariser Vorort Sarcelles galt lange als Vorbild für das friedliche Miteinander religiöser Gemeinschaften. Die Harmonie schwindet. Aus Angst vor antisemitischen Übergriffen verlassen immer mehr jüdische Gläubige ihre Wohnorte in der Banlieue.

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          Der Kassierer lacht laut in sein Mobiltelefon. Im „Naouri Market“ ist nicht viel los an diesem Vormittag. Nur eine schwangere Frau schiebt ihren Einkaufswagen von Regal zu Regal, vorbei an der zersplitterten Fliesenplatte, die vom Ungeheuerlichen zeugt. Zwei vermummte Männer waren vor knapp einem Monat in den Gemischtwarenhandel gestürmt, der nur koschere Lebensmittel verkauft. Sie schleuderten eine selbstgebastelte Granate in den kleinen Verkaufsraum, die explodierte, als die Männer mit den schwarzen Sturmhauben davonrannten.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Sie wollten töten“, stellte der französische Innenminister Manuel Valls später fest. Zum Glück war der Naouri-Markt auch am späten Vormittag des 19. September nicht gut besucht. Die Anwesenden - drei Kunden und eine Mitarbeiterin - kamen mit dem Schrecken davon. Thierry, der junge Mann an der Kasse, sagt, er habe damit gerechnet, dass es eines Tages so kommen werde. „Die Stimmung ist seit Monaten schon aufgeheizt. Seit der Affäre Mohammed Merah ist alles noch schlimmer geworden.

          Es ist, als ob Merah den Hass auf die Juden legitimiert hätte“, sagt Thierry. Thierry trägt eine Kippa, weil es die Geschäftsleitung so will. Draußen nehme er sie ab, aus Angst, angepöbelt zu werden, sagt er. „Wenn man Ihnen dreimal ,sale juif‘, dreckiger Jude, hinterher gerufen hat, dann überlegen Sie es sich, ob Sie die Kippa aufsetzen. Es gibt da Leute, die sind zu allem fähig.“ Auf dem betonierten Vorplatz stehen junge Männer herum, einige rauchen, andere palavern, einer spuckt auf den Boden.

          „Irgendwie ist es banal geworden“

          Die Zahlen der französischen Arbeitslosenstatistik erhalten hier in Sarcelles Gesichter. Gesichter von Männern im arbeitsfähigen Alter, die schon am Vormittag herumgammeln, etwa auf dem kahlen, windigen Platz, der zwischen vier Sozialwohnungstürmen liegt. Im Erdgeschoss sind Ladenlokale angesiedelt, einige haben die eisernen Rollläden gar nicht erst geöffnet, andere bieten Waren aus dem Orient, Brautkleider oder Brillen feil. Der Naouri-Markt liegt etwas versteckt am anderen Ende dessen, was hochtrabend „Centre Commercial“ genannt wird.

          Richtig voll werde es in dem Laden eigentlich nur vor hohen jüdischen Festtagen, sagt Thierry. Am Tag des Anschlags arbeitete er nicht. Ob er jetzt Angst an seinem Arbeitsplatz habe? „Nein, ich bin es gewohnt, vorsichtig zu sein.“ Dreißig Jahre ist er alt, und an die Zeit, als das Zusammenleben mit den aus Nordafrika zugewanderten Franzosen harmonisch verlief, erinnert er sich nicht. Die Eltern hätten ihn irgendwann in eine jüdische Privatschule geschickt, wegen der Hänseleien der Mitschüler an der öffentlichen Schule.

          Auch Sara, die werdende Mutter, die koscheres Speiseöl und Nudeln in ihrem Einkaufswagen stapelt, äußert sich resigniert. „Irgendwie ist es banal geworden, dass Tunichtgute, die außer Hass nichts im Kopf haben, uns zur Zielscheibe nehmen“, sagt sie. Sie glaubt nicht, dass die Situation sich in den nächsten Jahren verbessern werde. Die Regierung merke langsam, dass die jüdische Gemeinde nicht unter Verfolgungswahn leide, sondern recht habe, wenn sie vor dem Antisemitismus der muslimisch geprägten Banlieue-Jugend warne.

          Wie Eindringlinge in der eigenen Stadt

          Vom „inneren Feind“ spricht der sozialistische Innenminister Valls und meint junge, zum radikalen Islam konvertierte Franzosen, mit oder ohne Einwanderungshintergrund, die sich mit terroristischen Absichten zusammenrotten wie jene, die den Granatenanschlag in Sarcelles verübten. Wie viele „innere Feinde“ mögen die Sozialbausiedlungen in Sarcelles beherbergen? Das Dröhnen eines Flugzeugs übertönt alles. Sarcelles liegt nur wenige Kilometer vom Pariser Großflughafen Charles de Gaulle entfernt, einem der wichtigsten Arbeitgeber für die 60000 Einwohner zählende Stadt.

          „Wir wollen keine Panik verbreiten. Aber das Klima hat sich spürbar verändert, auch hier bei uns“, sagt Laurent Berros, der als Rabbiner in Sarcelles wirkt. Er erzählt vom jüngsten Umzug der Gemeinde zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana durch Sarcelles. „Bislang wünschten die Passanten uns immer alles Gute, doch dieses Mal gab es feindselige Blicke, manche zeigten sich sogar aggressiv“, sagt Berros. „Plötzlich kamen wir uns wie Eindringlinge in unserer eigenen Stadt vor.“ Das Attentat auf den Naouri-Markt habe die Gemeinde weiter verstört. Der Rabbiner lobt die Regierung für ihr entschlossenes Durchgreifen. Vor der Synagoge, einem wie die umliegenden Wohnblöcke in den frühen siebziger Jahren entstandenen Betonbau mit einem rostigen Tor, stehen Stahlbarrieren, aber keine Polizisten.

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