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Antisemitismus in Europa : Kann Deutschland seine Juden schützen?

  • -Aktualisiert am
Mann mit Kippa in Berlin
Mann mit Kippa in Berlin : Bild: Reuters

Viele Deutsche waren indessen derart besorgt, nicht gleichgültig gegenüber dem Leid ausländischer Muslime zu erscheinen, dass sie die muslimischen Flüchtlinge willkommen hießen, ohne an die möglichen Folgen für ihre jüdischen Mitbürger zu denken. Erst nach dem Ende seiner Amtszeit im letzten Jahr gestand der frühere Bundespräsident Joachim Gauck ein, es habe ihn „erschreckt“, wohin der „Multikulturalismus“ führen könne: „So finde ich es beschämend, wenn (...) Antisemitismus unter Menschen aus arabischen Staaten ignoriert oder mit Verweis auf israelische Politik für verständlich erklärt wird. Oder wenn Kritik am Islam sofort unter den Verdacht gerät, aus Rassismus und einem Hass auf Muslime zu erwachsen.“ Und Merkel wartete bis Februar, bis sie in der Öffentlichkeit auf „No-Go-Areas“ einging, Gebiete mit hoher Kriminalität und weitgehend muslimischer Bevölkerung in ganz Europa, die Vertreter staatlicher Behörden und der Polizei kaum noch zu betreten wagen und deren bloße Existenz von Liberalen lange bestritten und als islamfeindliche Erfindung abgetan wurde. „Solche Räume gibt es, und das muss man dann auch beim Namen nennen, und man muss etwas dagegen tun“, erklärte Merkel.

Einen Monat, nachdem Merkel 2015 beschlossen hatte, die Grenzen für mehr als eine Million meist muslimische Migranten zu öffnen, warnten vier deutsche Geheimdienste in einem wenig beachteten Bericht: „Wir importieren islamischen Extremismus, arabischen Antisemitismus, nationale und ethnische Konflikte anderer Völker sowie ein anderes Verständnis von Gesellschaft und Recht.“ Die Nachrichtendienste äußerten sich skeptisch hinsichtlich der Fähigkeit Deutschlands, so viele Neuankömmlinge zu assimilieren, deren Anwesenheit ihres Erachtens bereits vorhandene soziale Spannungen nur verstärken könne.

„Weit verbreiteter Antisemitismus“

Eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie des American Jewish Committee in Berlin fand einen „weit verbreiteten Antisemitismus“ bei den 68 befragten Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak. „Was wissen wir über Juden? Sicher, es ist eine Religion, aber sie haben sie verfälscht“, sagte Bader, ein 33 Jahre alter Mann aus Damaskus, den Forschern. „Wir wissen: Sie haben ein Buch wie unseres und sie haben Propheten, und wir erkennen ihre Propheten an und so weiter, aber sie haben das von Gott offenbarte Buch gefälscht (…) Der Koran sagt auch, dass es nicht dasselbe Buch ist.“ Zum Teil wegen solcher Einstellungen meinte die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch: „Jüdisches Leben kann in der Öffentlichkeit nur unter Polizeischutz und schärfsten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden.“

Ähnlich äußerte sich Angela Merkel am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag: „Es ist kaum zu verstehen und eine Schande, dass keine jüdische Einrichtung ohne polizeiliche Bewachung existieren kann – sei es eine Schule, sei es ein Kindergarten oder eine andere Einrichtung wie eine Synagoge.“ Einen Monat zuvor hatten mehrere tausend Menschen, meist Muslime und Migranten, gegen die Entscheidung der Vereinigten Staaten demonstriert, ihre Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen. Kaum hundert Meter entfernt vom Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas verbrannten Demonstranten jüdische Fahnen und skandierten antisemitische Parolen.

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