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Antisemitismus bei „Gelbwesten“ : „Ich habe einen absoluten Hass gespürt“

Alain Finkielkraut, der französische Philosoph, wird in Paris von den „Gelbwesten“ rassistisch beschimpft Bild: Screenshot F.A.Z./Youtube

Demonstranten der „Gelbwesten“-Bewegung beschimpften in Paris den Philosophen Alain Finkielkraut unter anderem als „Drecksjuden“. Bei der Gruppe sei Antisemitismus sehr verbreitet, sagte der Intellektuelle im Nachhinein. Nicht alle verurteilten die Übergriffe.

          Die Männer in gelben Westen brüllen unüberhörbar: „Drecksjude“ und dann „Drecksrasse“ und „Verrecke!“. Die antisemitischen Parolen gelten einem älteren Mann in dunklem Mantel, dem Philosophen Alain Finkielkraut. Der 69 Jahre alte Intellektuelle war am Samstag im Montparnasse-Viertel zufällig auf dem Bürgersteig Demonstranten der „Gelbwesten“-Bewegung begegnet und von ihnen erkannt worden. Finkielkraut, der häufig im Fernsehen auftritt, zählt seit 2014 zu den „Unsterblichen“ der Académie Francaise.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Polizei musste einschreiten, damit der Philosoph unbeschadet seinen Weg fortsetzen konnte. Augenzeugen nahmen die Szene auf und verbreiteten sie in den sozialen Netzwerken. „Ich habe einen absoluten Hass gespürt“, sagte Finkielkraut der Sonntagszeitung „Le Journal du dimanche“. Er sei dankbar gewesen, dass die Sicherheitskräfte so schnell eingegriffen hätten, denn er habe sich bedroht gefühlt. „Unter den ,Gelbwesten’ ist der Hass auf Juden sehr verbreitet. Ich musste für meine Bekanntheit büßen“, sagte Finkielkraut.

          Anstieg antisemitischer Straftaten

          Präsident Emmanuel Macron sicherte Finkielkraut in einem Anruf seine Solidarität zu. Alain Finkielkrauts Lebensweg als Sohn polnischer Emigranten in die Académie Francaise sei ein Symbol für die Chancen, die Frankreich bereithalte, bekundete der Präsident. „Die antisemitischen Beleidigungen sind die absolute Verneinung dessen, was wir sind und was uns zu einer großen Nation gemacht hat. Wir werden sie nicht tolerieren“, betonte Macron. Der ehemalige Präsident François Hollande bezeichnete die antisemitischen Angriffe als Regression. „Jeder unter uns muss sich alarmiert fühlen“, sagte Hollande. Schon am vergangenen Samstag war die „Gelbwesten“-Demonstration von antisemitischen Schmierereien begleitet gewesen. Porträts der verstorbenen Ministerin Simone Veil waren mit Hakenkreuzen übermalt worden

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          Der französische Innenminister Christophe Castaner nannte den Antisemitismus ein „Gift“, das sich immer mehr in der Gesellschaft ausbreite. Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist in Frankreich 2018 dramatisch angestiegen, um 74 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt 541 Übergriffe wurden 2018 registriert, im Jahr 2017 waren es 311 Fälle. Der Antisemitismusbeauftragte der Regierung, Frédéric Potier, beklagte ein Klima des ungezügelten Hasses, in dem sich „Hass auf die Demokratie mit Hass auf die Juden vermischt“. Das Vokabular der extremen Rechten prange an den Wänden der Hauptstadt. „Macron Judenhure“ oder „Jüdische Sau“ zählen zu häufig zu sehenden Graffiti-Inschriften.

          Finkielkraut sagte am Sonntag in der Zeitung „Le Parisien“, die Leute, die ihn beschimpften, seien politisch schwer einzuordnen gewesen. Es sei „eine Mischung aus Leuten aus der Banlieue, der extremen Linken und von Bewunderern Alain Sorals“ gewesen. Soral ist ein rechtsextremer Essayist, der 2009 bei den Europawahlen mit einem antizionistischen Programm kandidierte. Mit dem Banlieue-Star Dieudonné arbeitete er 2012 für den Film „L’antisémite“ zusammen, dessen Vorführung beim Filmfestival in Cannes verboten wurde. Dieudonné gilt als „Erfinder“ des Quenelle-Grußes, eine Art umgekehrter Hitler-Gruß. Schon zuvor gab es Berichte, wonach sich ein Teil der „Gelbwesten“-Demonstranten mit dem Quenelle-Gruß untereinander begrüßen. Finkielkraut äußerte, die „Gelbwesten“ hätten auch sein Engagement für den Staat Israel ins Visier genommen. So waren Rufe zu hören wie „dreckiger Zionist“, „Geh zurück nach Tel Aviv!“ und „Frankreich gehört uns“. Er sagte, sie könnten nicht zu den „ursprünglichen ,Gelbwesten’“ gehören.

          Anhänger von Beginn an

          Finkielkraut zählte zu den Intellektuellen, die in den ersten Wochen die Anliegen der „Gelbwesten“ verteidigten. Er ist ein ausgemachter Kritiker Präsident Macrons. Vor dem Übergriff hatte er sich in der Samstagsausgabe der Zeitung „Le Figaro“ von der Protestbewegung jedoch deutlich distanziert und ihr „Arroganz“ vorgeworfen. Er erinnerte in dem Gespräch an die Quenelle-Grüße und Parolen, die klar antisemitisch motiviert seien. Finkielkraut wies in dem Gespräch auch darauf hin, dass einer der Begründer der „Gelbwesten“, der Lastwagenfahrer Eric Drouet, bei einem „Facebook Live“-Auftritt ohne Widerspruch die Aussage zuließ: „Die zionistische Mafia bringt uns alle um“.

          Schriftsteller und Philosoph Alain Finkielkraut

          Im rechten Parteienspektrum stieß der Angriff auf Finkielkraut auf einhellige Verurteilung. Marine Le Pen bezeichnete ihn als „schockierend“. Er zeige, dass die Demonstration der „Gelbwesten“ von Mitgliedern der „antisemitischen extremen Linken“ unterwandert sei, meinte die Vorsitzende des Rassemblement National (vormals: Front National). Der Spitzenkandidat der Republikaner für die Europawahlen, François-Xavier Bellamy, verurteilte den Zwischenfall und verlangte, dass die Täter gefasst und bestraft werden. Die Staatsanwaltschaft in Paris hat Ermittlungen eingeleitet.

          Auffällig war hingegen das Schweigen des linken Wortführers Jean-Luc Mélenchon (La France Insoumise). Obwohl der frühere Präsidentschaftskandidat, der 2017 mehr als 19 Prozent der Stimmen errang, im Internet sehr aktiv ist, fehlte jegliche Äußerung von ihm zu dem antisemitischen Zwischenfall. Stattdessen twitterte Mélenchon: „Bravo Gelbwesten!“. Die „Polizeirepression“ habe die Protestbewegung nicht geschwächt. Beim 14. Protestsamstag waren in ganz Frankreich 41.500 Demonstranten auf die Straße gezogen, davon 5000 in Paris.

          Aufmerksamkeit zog der linke Anwalt Jean-Pierre Mignard mit der Äußerung auf sich, Finkielkraut habe den Zwischenfall heraufbeschworen. Es wäre ratsamer gewesen, wenn er sich von der Straße ferngehalten hätte. „Außerdem ist er zum Glück nicht geschlagen worden. Das hätte alles geändert“, twitterte Mignard, der als Anwalt der Familien der Jugendlichen in Clichy-sous-Bois in Frankreich bekannt geworden ist, deren Tod 2005 die Banlieue-Unruhen auslöste. „Alain Finkielkraut liebt es zu provozieren“, meinte Mignard. Finkielkraut hat 2013 in seinem Essay „Die unglückliche Identität“ vor den Folgen der Masseneinwanderung gewarnt. Darin kritisierte er scharf die Neigung der Linken, den Antisemitismus in der Einwandererjugend zu leugnen.

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