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Antisemitismus in Schweden : Scharfe Worte für alte Erkenntnisse

Zwei Täter griffen am vergangenen Wochenende eine Synagoge in Göteborg mit Brandsätzen an. Wegen des Regens brach kein Feuer aus und niemand wurde verletzt. Bild: dpa

In Schweden kam es in jüngster Zeit vermehrt zu antisemitischen Angriffen. Politiker verurteilen das scharf. Doch das Problem ist alles andere als neu.

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          Das Thema begleitet Schwedens Ministerpräsidenten sogar ins Ausland. Als Stefan Löfven in Paris auf dem Klimagipfel angekommen war, äußerte er sich also deutlich: „Wir haben in der schwedischen Gesellschaft ein Problem mit Antisemitismus“, sagte er laut Angaben der Nachrichtenagentur TT. Das sei gerade in Malmö und Göteborg zu sehen gewesen. Löfven sagte: „Wir müssen sehr deutlich machen, dass dieser Antisemitismus und Judenhass in unserer Gesellschaft keinen Platz hat.“ Es sind scharfe Worte. Eine neue Erkenntnis aber beschreiben sie nicht.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Es sind gleich mehrere Vorfälle vom vergangenen Wochenende, die Löfven zu seinen Äußerungen bewegt haben. Am Samstag kamen Jugendliche zu einer Feier in einer Synagoge in Göteborg zusammen, als plötzlich Brandsätze auf das Gebäude flogen. Es nieselte aber, und das Haus fing kein Feuer, niemand wurde verletzt. Nach der Entscheidung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, war es davor schon in Stockholm und Malmö zu propalästinensischen Demonstrationen gekommen. In Stockholm wurde dabei eine Israel-Fahne verbrannt.

          In Malmö berichteten Reporter von antisemitischen Sprechchören der etwa 200 Demonstranten: Von Malmö aus solle die Intifada beginnen, und Juden werde man erschießen. Später wurden auf dem jüdischen Friedhof in der Stadt auch noch zwei Brandsätze gegen die Kapelle geworfen. Politiker zeigten sich empört, Vertreter von muslimischen Organisationen drückten ihr Mitgefühl aus, und Schweden klebten Herzen an den Zaun vor der Synagoge. Schon am Wochenende hatte Löfven gesagt: „Es gibt keinen Platz für Antisemitismus in der schwedischen Gesellschaft.“

          Malmö als Problemstadt

          Breit gemacht aber hat er sich trotzdem, und das wurde nicht erst am vergangenen Wochenende offenbar. Seit vielen Jahren schon gibt es Berichte über antisemitische Übergriffe. Kaum 20.000 Juden leben in Schweden mit seinen zehn Millionen Einwohnern. Von 2008 bis 2015 stieg die Zahl der antisemitischen Hassverbrechen in der Kriminalitätsstatistik von 159 auf 277 im Jahr. Im Zentrum steht oft Malmö, die drittgrößte Stadt Schwedens ganz im Südwesten des Landes. Mehr als 40 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund, die Stadt ist bekannt für ihr Problemviertel Rosengård.

          Vor knapp zehn Jahren schon sorgte eine Reihe von Vorfällen für Beunruhigung in der jüdischen Gemeinde, es war die Zeit des Gaza-Krieges. Der damalige Bürgermeister aber wollte zunächst keinen wachsenden Antisemitismus in seiner Stadt erkennen – das Simon-Wiesenthal-Center hingegen gab eine Reisewarnung für Malmö aus. Die Ereignisse vom Wochenende waren also nur ein weiterer Tiefpunkt in Schweden. In Medienberichten wurden Mitglieder der jüdischen Gemeinden zitiert, die von der Verunsicherung berichteten. Dvir Moaz, der am Samstag in Göteborg bei der Feier war, als der Brandanschlag geschah, sprach in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ von einem Akt des Terrors. Das kenne er aus seiner Heimat Israel. Ein anderes Mitglied der Gemeinde sagte, es sei ein ständiger Kampf, um nur ein einfaches Leben zu führen.

          Bedrohung durch Einwanderer aus dem Nahen Osten

          Den Juden in Schweden drohen gleich von mehreren Gruppen im Land Feindseligkeit und Gewalt. Da sind zum einen die extremen Rechten und die extremen Linken in Schweden. Diese zählte Löfven in der Zeitung „Aftonbladet“ auf. Er fügte aber auch an, er sei besorgt über den wachsenden Antisemitismus unter Einwanderern aus dem Nahen Osten. Dieses Problem dürfte in den nächsten Jahren kaum kleiner werden. In der Hochphase der Flüchtlingskrise hat Schweden pro Einwohner mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land in Europa.

          Viele kamen aus dem Nahen Osten. Am Mittwoch wurden zwei Beschuldigte für den Brandanschlag in Göteborg dem Haftrichter vorgeführt: 18 und 21 Jahre alt, einer kommt aus Syrien und einer aus Palästina. Und die jüdische Gemeinde in Malmö teilte mit, sie sei am Dienstag von zwei Jugendlichen bedroht worden. Einer habe gesagt, er sei Palästinenser.

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