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Anti-Terror-Razzia : Schockwelle in Kanada

  • -Aktualisiert am

„Wir wurden zum Ziel, weil wir sind, wer wir sind”: Stephen Harper Bild: REUTERS

Die Festnahme von mutmaßlich islamistischen Terroristen in Toronto hat eine Schockwelle ausgelöst. Denn fast alle sind eingebürgert oder wurden gar in Kanada geboren. Dies ist nicht die einzige schlechte Nachricht für die Einheimischen.

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          „Ihre Ziele“, sagte der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper in einer Fernsehansprache an die Nation, „waren Kanada, kanadische Instutionen, die kanadische Wirtschaft, das kanadische Volk. Wir wurden zum Ziel, weil wir sind, wer wir sind, wie wir leben. Unsere Gesellschaft, unsere Vielfältigkeit, unsere Werte wurden zum Ziel, Werte wie Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Es sind Werte, die Kanada groß machen - Werte, die wir Kanadier hochschätzen.“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Festnahme von siebzehn mutmaßlichen islamistischen Terroristen in Toronto am Pfingstwochenende hat tiefe Schockwellen in der kanadischen Gesellschaft ausgelöst. Es ist das beherrschende Thema, denn die zwölf Männer zwischen 19 und 43 Jahren sowie die fünf Jugendlichen unter 18 Jahren sind fast alle eingebürgerte Kanadier oder wurden gar in Kanada geboren. Sie stammten aus allen Schichten der Gesellschaft, hieß es: Studenten seien darunter, Angestellte, Arbeitslose. Die Verdächtigen waren sämtlich im Großraum Toronto in der Provinz Ontario festgenommen worden, der größten Stadt Kanadas und der Wirtschaftsmetropole des Landes.

          Aus dem Herzen der kanadischen Gesellschaft

          Nach dem Selbstbild vieler Kanadier hätten diese Muslime längst ein normaler Teil der kanadischen Gesellschaft sein müssen. Hätten diese Männer und Jungen von der Provinz Ontario aus Angriffe im Nachbarland Vereinigte Staaten geplant, hätte das viele Kanadier wohl nicht verwundert, denn man sieht sich als weit entfernt von Amerika, fühlt sich mitunter als Gegen-Amerika, das im Vergleich zum südlichen Nachbarn europäisch, aufgeschlossen und fortschrittlich ist. Und nun stellt sich heraus, daß junge Männer aus dem Herzen der kanadischen Gesellschaft bereit waren, ihre Haßparolen, die sie in Chatrooms im Internet austauschten, auch in Kanada in blutige Taten umzusetzen.

          Einer der 17 Verdächtigen (Mitte)
          Einer der 17 Verdächtigen (Mitte) : Bild: AP

          Auch dies war ein Schock für viele Kanadier: Es war der „schnüffelnde Staat“, der dank der Überwachung extremistischer Internet-Websites sowie des E-Mail-Verkehrs der Verdächtigen seit 2004 möglicherweise Hunderte Kanadier vor dem Tod bewahrte. Ein Mitarbeiter des kanadischen Geheimdienstes CSIS beschrieb die Männer als Anhänger „einer vom Terrornetz Al Qaida inspirierten gewalttätigen Ideologie“, die eine Serie von Terroranschlägen im Süden der Provinz Ontario geplant hätten.

          Polizei liefert und schlägt dann zu

          Die Verdächtigen hätten sich drei Tonnen Ammoniumnitrat zur Herstellung von Bomben „mit der Absicht beschafft, sie für Terroranschläge zu benutzen“, sagte ein Polizeisprecher. Um die möglichen katastrophalen Ausmaße eines Anschlages zu verdeutlichen, erinnerte der Sprecher daran, daß bei dem von amerikanischen Extremisten verübten schweren Terroranschlag in Oklahoma City im Jahr 1995, bei dem 168 Menschen in einem Gebäude mit Einrichtungen von Bundesbehörden getötet wurden, ein Drittel des gleichen Materials Verwendung gefunden hatte.

          Die Tageszeitung „Toronto Star“ berichtete, die kanadische Polizei habe das von den Verdächtigen bestellte Ammoniumnitrat geliefert - und unmittelbar darauf zugeschlagen. Offiziell wurde bisher nicht mitgeteilt, welche Ziele die Festgenommenen, die am Dienstag einem Haftrichter vorgeführt wurden, ins Visier genommen hatten. Kanadische Medien berichteten, neben dem Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Ottawa seien Gebäude in der Wirtschaftsmetropole mögliche Ziele gewesen, etwa die Börse.

          Glückwünsche aus den Vereinigten Staaten

          Unterdessen schloß die jetzt von allen Seiten gepriesene kanadische Polizei nicht aus, daß es in den kommenden Tagen zu weiteren Festnahmen kommen könnte. Selbst die Glückwünsche aus dem Nachbarland Vereinigten Staaten, etwa von Außenministerin Condoleezza Rice, hat man in Kanada weithin bereitwillig entgegengenommen. Kanada sei sehr aktiv im Kampf gegen den Terrorismus, die Zusammenarbeit der beiden Länder sei hervorragend, sagte Rice.

          Nach der Festnahme hatten Unbekannte in Toronto in einer der größten Moscheen Nordamerikas dreißig Fenster eingeworfen. Etwa 600.000 der 33 Millionen Einwohner Kanadas sind Muslime, sie gelten als bestens integriert in der weltoffenen, toleranten kanadischen Gesellschaft. Jetzt gibt es allenthalben Aufrufe zur Besonnenheit.

          „Richtiger“ und „falscher“ Krieg

          Obwohl der Minister für öffentliche Sicherheit, Stockwell Day, im kanadischen Fernsehen versicherte, der bis mindestens Februar 2009 verlängerte Einsatz von 2000 kanadischen Soldaten in Afghanistan, die zumal im Süden des Landes immer öfter unter Feuer geraten, habe nicht ursächlich mit dem geplanten Terroranschlag zu tun, dürfte vielen Kanadiern dämmern, daß die von ihnen wie auch von vielen Europäern gepflegte Unterscheidung zwischen dem „richtigen“ Krieg in Afghanistan und dem „falschen“ im Irak nicht vor möglicherweise katastrophalen Anschlägen islamistischer Extremisten schützt.

          Kanada wurde sich am Wochennende bewußt, daß es zu deren Zielen gehört. Das wird Folgen für die Selbstwahrnehmung, für die Debatte zur Einwanderungspolitik, für die Außen- und Sicherheitspolitik sowie für das Verhältnis zum Nachbarn im Süden haben, dessen Nähe, Größe und Stärke jetzt vielleicht nicht mehr so bedrohlich wahrgenommen werden.

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