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„Anschluss“ Österreichs : Alleingelassen mitten in Europa

Deutsche Soldaten beim Einmarsch in Österreich über die Grenze bei Kiefersfelden Bild: F.A.Z./Scherl

Vor achtzig Jahren marschierte die Wehrmacht in Österreich ein, und niemand half Wien. Es zu sagen ist seit den Achtzigern zwar verpönt, es stimmt aber doch: Das Land war auch Opfer.

          7 Min.

          An diesem Montag wird Österreich im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg mit einem Staatsakt an die Ereignisse vor 80 Jahren erinnern. Hitlerdeutschland marschierte am 12. März 1938 mit Armee, SS und Polizei im Nachbarland ein. Die Spitzen des Staates kapitulierten unter der unmittelbaren Drohung schon am Vorabend, „wichen der Gewalt“ und übergaben die Macht den Nationalsozialisten. Einen Tag später hatte Österreich als selbständiges Land schon aufgehört zu existieren. Ein sehr sichtbarer Teil der Bevölkerung jubelte ekstatisch, ein nicht sichtbarer Teil blieb verzweifelt oder apathisch zu Hause, ein ebenfalls kaum sichtbarer Teil wurde von den Schergen des neuen Regimes sofort eingesperrt – und ein weiterer Teil der Bevölkerung, die jüdischen Österreicher, wurde vom ersten Tag an auf offener Straße auf das Niederträchtigste gedemütigt und schikaniert.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          80 Jahre, das ist ein runder Gedenktag, doch an sich nicht ein besonders herausragender. Aber er wird in Österreich intensiv wahrgenommen. Die Zeitungen bringen lange historische Beiträge, der ORF sendet Dokumentationen. Es gibt Symposien und Ausstellungen unter anderen in den Landeshauptstädten Eisenstadt, Salzburg, Innsbruck und natürlich in Wien, darunter die sehenswerte Ausstellung im Wiener Rathaus unter dem Titel „Wir wissen es, dass diese Beamtenschaft ihre Pflicht auch im neuen Wien tun wird“. Auf dem Heldenplatz wird eine akustische Kunstinstallation an die berüchtigte Rede vom 15. März erinnern, die Adolf Hitler vom Söller an der Neuen Hofburg herab gehalten hat: „... melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“. Die Installation der Künstlerin Susan Philipsz, ein leiser, brüchiger Ton, soll ein Gegenpol zum Dröhnen Hitlers und dem Brüllen seiner Anhänger sein. Zweimal täglich soll der Klang zu hören sein – bis November, wenn dann das 100. Republikjubiläum ansteht.

          Dieser in jeder Hinsicht runde Jahrestag ist es auch, der erklärt, warum der andere, der nun anstehende 80., so sichtbar begangen wird – sichtbarer als frühere, wenn man dem Blick ins Archiv österreichischer Zeitungen trauen darf. Der Beginn von Republik und Demokratie wird ein Anlass zum Feiern sein, zumal er mit dem Ende des Ersten Weltkrieges verbunden war. Aber der Beginn trug doch den Keim des Endes in sich. Des Endes der Demokratie schon vor 85 Jahren – seit März 1933 regierte das von der Christlichsozialen Partei beherrschte Regime der Kanzler Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg diktatorisch. Und eben auch des Endes der Eigenstaatlichkeit.

          Andreas Khol, der frühere Nationalratspräsident und ÖVP-Politiker, hat auf einer Tagung an der Diplomatischen Akademie in Wien die „Steine im Rucksack“ aufgezählt, welche die erste Republik mit sich zu schleppen hatte. Österreich war nach der Aufteilung des k.u.k. Kaiserreichs „das, was übrigblieb“, wie der daran wesentlich beteiligte Franzose Georges Clemenceau boshaft, aber nicht unzutreffend feststellte. Die allermeisten Bewohner wollten die Eigenstaatlichkeit von Anfang an nicht. Es waren die Siegermächte des Weltkriegs, die sie ihnen aufzwangen – unter Missachtung des propagierten „Selbstbestimmungsrechts der Völker“.

          Nazis paradieren am 15. März 1938 in Wien.

          Es gab ein Staatsvolk, „Deutsch-Österreicher“, aber keine Nation. Es gab eine Republik, aber kaum Republikaner. Es gab eine Demokratie, aber „noch weniger Demokraten“, formulierte Khol; diese Aussage mag zumindest dann zutreffen, wenn man den Begriff einer konsensorientierten pluralistischen Parteiendemokratie zugrundelegt, die auch den Anspruch der anderen Parteien gelten lässt. Stattdessen gab es eine tiefe Zerrissenheit, ein Lagerdenken, armiert durch paramilitärische Verbände, die das Gewaltmonopol des Staates unterliefen. Und die äußerst schwierige wirtschaftliche Lage eines Landes mit imperialer Hauptstadt ohne Imperium, ohne das für die Ernährung wichtige ungarische Hinterland und ohne die Industrie Böhmens.

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