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„Anschluss“ Österreichs : Alleingelassen mitten in Europa

Einen gewissen Schutz hatte Österreich eine Zeitlang durch Italien genossen. Benito Mussolini hatte ein Interesse an dem Pufferstaat zwischen sich und dem Emporkömmling im Norden. Dass 1934 während des NS-Putschversuches, bei dem Dollfuß ermordet wurde, am Brenner italienische Truppen aufgezogen waren, war ein deutliches Signal, das auch verstanden wurde. Aber in den folgenden Jahren verschoben sich die Interessen Mussolinis, der beispielsweise für sein Abessinien-Abenteuer Rückendeckung suchte. Österreich, das er als Zufallsprodukt der Geschichte betrachtete, war da kein Hindernis. Im Grunde schon 1936, erst recht 1938, hatte er es preisgegeben.

In Wien wurden einem deutschen Soldaten am 15. März 1938 Blumen offeriert.

Die einzige Macht, die ein wirklich starkes Interesse an einer Unabhängigkeit Österreichs hatte, war Frankreich. Es war stets dafür eingetreten, um Deutschland zu schwächen, und hatte Wien durch Subsidien gestützt. Aber in den dreißiger Jahren war es wirtschaftlich angeschlagen und politisch im „kalten Bürgerkrieg“ zerrissen. Seit 1935/ 36 wurden in Paris Auffassungen artikuliert, für Österreich werde man nicht in den Krieg ziehen. 1937 spielte der französische Generalstab noch einmal ein Planspiel durch, im Falle eines Angriffs auf die Tschechoslowakei und eventuell auch auf Österreich militärisch einzugreifen. Ergebnis: Keine Chance ohne Großbritannien.

Im österreichischen Bundesheer gab es Truppenbewegungen kurz vor dem Einmarsch der Deutschen. Aber sie waren nur halbherzig und wurden von Schuschnigg unter der ultimativen Erpressung am 11. März ebenso gestoppt wie die von ihm anberaumte Volksbefragung zur Unabhängigkeit Österreichs. Nur ein Trüppchen auf dem Fernpass in Tirol hielt die Stellung: Der Funkkontakt war in der Nacht zum 12. März abgebrochen. Ansonsten hatten die reichlich unvorbereitet in Marsch gesetzten bayerischen Regimenter keine Probleme mit der österreichischen Armee, der Stillhalten befohlen worden war; nur dem ungewohnten Linksverkehr, der in Österreich als letztem kontinentalen Land noch galt, fielen zwei Dutzend Wehrmachtssoldaten in Unfällen zum Opfer.

Hätte Österreich militärisch Widerstand leisten sollen? Völkerrechtlich und moralisch hätte das vielleicht etwas verändert. Denn wenn der Regierungschef sagte, es solle „kein deutsches Blut fließen“, dann hat, wie Franz Cede darlegte, „von außen gesehen, Österreich auf das Recht auf Selbstverteidigung verzichtet und auch keinen Anlass gegeben, dass andere Staaten zur Hilfe kommen“. Anderseits wäre eben ohnedies niemand zur Hilfe gekommen. „Symbolischen Widerstand kann es nicht geben“, meinte Erwin Schmidl (Wien). „Ernstgemeint oder bleiben lassen. Wenn ein Politiker symbolischen Widerstand leisten möchte, soll er sich selbst erschießen lassen.“

Am Bundeskanzleramt in Wien erinnert eine Installation an den „Anschluss“.

Winston Churchill hat während des Zweiten Weltkriegs den Begriff von Österreich als „erstem Opfer Hitlers“ geprägt, der dann in die Moskauer Deklaration und schließlich in den Staatsvertrag von 1955 Eingang gefunden hat. Die Opfertheorie hatte ihre Vorzüge für die 1945 gegründete zweite Republik. Man betrachtete Österreich als von Deutschland okkupiert und nicht annektiert, so dass das Land völkerrechtlich nie wirklich von der Landkarte verschwunden wäre – eine zumindest anfechtbare Rechtsposition. Vor allem aber war die Opfertheorie opportun, weil sich die Aufarbeitung von Schuld – und auch die Anerkennung von Schuldigkeit – lange Zeit verdrängen ließ.

Umso schmerzhafter, aber auch gründlicher wurde dieser Prozess seit der Mitte der achtziger Jahre („Waldheim-Affäre“) nachgeholt. Seither wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: Es ist heute fast schon verpönt, aber dennoch wahr, daran zu erinnern, dass Österreich zwar nicht nur Opfer, aber durchaus auch Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands war: Als Gemeinwesen, so zerrissen und belastet es auch gewesen sein mag, und in wohl der Mehrzahl seiner Bürger. Denn nicht von ungefähr ließ Hitler deshalb so überhastet einmarschieren, weil er verhindern wollte, dass die Österreicher über die Frage Kurt Schuschniggs abstimmen könnten: „Für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich, für Friede und Arbeit und die Gleichberechtigung aller, die sich zu Volk und Vaterland bekennen.“

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