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„Anschluss“ Österreichs : Alleingelassen mitten in Europa

Nicht zuletzt war es auch ein Staat ohne außenpolitische Verbündete, jedenfalls am Ende. Die Siegermächte drangen zwar regelmäßig auf eine Erneuerung der Bestimmungen der Pariser Vorortverträge. Aber militärische Garantien gaben sie nicht ab. Die unmittelbaren Nachbarstaaten hatten andere Sorgen. Wie allein Österreich am Ende stand, wurde auf besagter Tagung („Der ,Anschluss’ im internationalen Kontext“) in mannigfaltigen Beiträgen deutlich.

Jugoslawien beispielsweise hätte eigentlich gute Gründe haben müssen, einem solchen Machtzuwachs an der eigenen Grenze entgegenzuwirken. Aber die Regierung in Belgrad hatte viel mehr Angst vor den Kommunisten und sogar vor einer Restauration der Habsburger in Österreich. Also bezeichnete man den „Anschluss“ als „rein innere Angelegenheit des deutschen Volkes“. Ungarn begleitete die Vereinigung der „beiden deutschen Staaten“ sogar mit einer gewissen Sympathie, schließlich war eine Revision der Nachkriegsordnung und ihren großen Gebietsabtretungen an die Nachbarländer oberste außenpolitische Priorität in Budapest. Polen musste sich selbst den großen westlichen Nachbarn vom Leib halten und wollte ihn keinesfalls reizen. Mit Blick auf den Entsatz der Türkenbelagerung 1683 unter König Jan Sobieski ist aus Warschau der Satz überliefert: „Wir werden nicht ein zweites Mal Wien retten.“

Wehrmachtseinheiten werden am 13. März 1938 in Salzburg begrüßt.

Noch existentieller betraf die Vereinigung des österreichischen Territoriums mit dem deutschen die Tschechoslowakei. Das industriestärkste Land Mitteleuropas war durchaus ein Faktor, wenngleich die Spannungen mit der deutschen Minderheit destabilisierend wirkten. Die Grenze zu Deutschland war stark befestigt. Aber durch den „Anschluss“ hatte die Tschechoslowakei plötzlich eine lange, „weiche“ Südgrenze. Alarmiert reagierte man auf eine Rede Hitlers im Februar 1938, in der er in bezeichnender Weise addierte, es gebe in Österreich und der Tschechoslowakei zehn Millionen Deutsche, die unterdrückt seien. Aber auch in Prag hieß die Maxime: Nichts tun, was den unberechenbaren Diktator reizen könnte. An eine Unterstützung Österreichs wurde nicht ein ernsthafter Gedanke verschwendet: Was sollte das bringen, wenn schon die Großmächte nicht einschritten?

Und von denen kam dann auch nichts. Die Vereinigten Staaten hatten sich im Grunde schon durch die Nichtteilnahme am Völkerbund aus Europa machtpolitisch zurückgezogen. Großbritannien setzte unter Premierminister Neville Chamberlain auf Appeasement. Umstritten ist, wie gewissenhaft sich Lord Halifax auf seiner inoffiziellen Deutschland-Reise 1937 an seine Instruktionen hielt, aber jedenfalls fasste Berlin seine Äußerungen als Carte blanche für die Befriedigung seiner territorialen Interessen auf, sei es in Danzig, sei es in Österreich. So verstanden das übrigens auch die Agenten des sowjetischen Geheimdienstes, die für Stalin in Berlin die Ohren aufsperrten. Sie meldeten 1937 in Bezug auf Österreich: „Unsere Organe müssen sich frühzeitig auf eine Veränderung einstellen, um unsere Interessen zu wahren.“ Man müsse daher die eigenen Agenten aus Österreich holen beziehungsweise eine Präsenz im Untergrund sicherstellen. Die Sowjetunion forderte zwar am 17. März 1938 in einer Note eine energische Reaktion auf den deutschen Einmarsch – nämlich Großbritanniens und Frankreichs. Aber ansonsten gab es keine Regung aus Moskau, außer einer Mitteilung, dass man die Botschaft in Wien schließen werde, was Berlin als bedingungslose Akzeptanz des „Anschlusses“ auffasste. Der einzige konsequente diplomatische Protest wurde von Mexiko eingelegt, das auch in der Folge den „Anschluss“ nicht anerkannte. Aber Mexiko war weit weg.

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