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Anschlag von Burgas : Ein geheimer Krieg auf fremdem Gebiet

Der Reisebus, der infolge der Explosion vollständig ausbrannte Bild: dapd

Bisher fühlten sich Israelis in Urlaubsgebieten in Europa ziemlich sicher. Nach dem Anschlag von Burgas, der fünf israelische Touristen das Leben kostete, deutet vieles in Richtung Iran. Teheran dementiert.

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          „Exzellent“ seien die Beziehungen zwischen Bulgarien und Israel, versicherten bulgarische Politiker in den Stunden nach dem Terroranschlag von Burgas immer wieder. Das Außenministerium in Sofia teilte am Donnerstag mit, Bulgariens Staatspräsident Rossen Plewneliew und sein israelischer Gegenpart Schimon Peres seien sich in einem Telefongespräch nach dem Anschlag auf israelische Touristen einig darin gewesen, dass der Angriff die guten Beziehungen zwischen ihren Staaten nicht beeinträchtigen könne. Gut 80.000 Israelis reisen jedes Jahr an die bulgarische Schwarzmeerküste.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das liegt auch daran, dass sie seit dem Gaza-Krieg einen Bogen um die früher sehr beliebte Türkei machen. Doch der wichtigere Grund liegt weiter zurück: Bulgarien hat im Zweiten Weltkrieg, obwohl es mit Hitlers Reich verbündet war, die 50.000 jüdischen Bürger des Landes nicht an die Vernichtungslager der Deutschen ausgeliefert. Berlin übte zwar erheblichen Druck auf Sofia aus, doch eine Koalition aus mutigen Politikern, Repräsentanten der bulgarischen orthodoxen Kirche und einfachen Bürgern verhinderte die Auslieferung. Dass die jüdische Gemeinde des Landes heute trotzdem nur noch wenige tausend Mitglieder umfasst, hat einen anderen Grund: Viele bulgarische Juden wanderten nach 1945 nach Israel aus, um der kommunistischen Diktatur zu entgehen.

          Der Täter hatte amerikanische Papiere

          Seit Mittwoch gehört nun allerdings auch Bulgarien zu den Staaten, in denen ein Terroranschlag auf Bürger Israels verübt wurde. In dem Reisebus, in dem am Mittwoch auf dem Flughafengelände in Burgas eine Bombe explodierte, saßen viele junge Israelis. Am Donnerstag flog ein Armeeflugzeug die ersten 33 Verletzten nach Hause zurück. In Sofia wurden lagen weitere Verwundete im Krankenhaus. Fünf Israelis und ihr bulgarischer Fahrer waren bei dem Anschlag getötet worden. Bulgariens Regierungschef Bojko Borissow und Innenminister Zwetan Zwetanow bestätigten übereinstimmend, dass das Massaker „höchstwahrscheinlich“ die Tat eines Selbstmordattentäters gewesen sei.

          Der mutmaßliche Täter wurde von den Sicherheitskameras des Flughafens dabei gefilmt, wie er in der Ankunftshalle umherwanderte. Auf dem am Donnerstag vom Innenministerium veröffentlichten Kurzfilm ist ein junger Mann zu sehen, in kurzen Hosen, mit Turnschuhen und Rucksack. Bulgarische Medien berichteten, bei dem Tatverdächtigen seien zwei Ausweise gefunden worden, ein amerikanischer Pass und ein im Bundesstaat Michigan ausgestellter Führerschein, der „wahrscheinlich“ gefälscht sei.

          Innenminister Zwetanow wies unterdessen Berichte zurück, laut denen bei den bulgarischen Behörden vor der Tat Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag eingegangen seien. „Wir pflegen eine hervorragende Partnerschaft, und kein befreundeter Geheimdienst hat uns auf einen möglichen Anschlag hingewiesen“, so der Minister. Informationen vom Januar, laut denen es in bulgarischen Wintersportorten zu Anschlägen auf israelische Skiurlauber kommen könne, stünden nicht in Zusammenhang mit den Ereignissen von Burgas, sagte Zwetanow.

          Bisher blieb Bulgarien vom Terrorismus verschont

          Auch aus Israel kamen keine Vorwürfe. Verteidigungsminister Ehud Barak sah sich eher veranlasst, die eigenen Geheimdienste in Schutz zu nehmen. Das Fehlen einer Terrorwarnung sei eine Panne gewesen, aber kein Versagen: „Die Welt ist voller Orte, wo diese Leute aktiv sind“, gestand Barak ein und verwies lieber auf Erfolge der Vergangenheit. So war es in diesem Jahr offenbar gelungen, ähnliche Attentate in Zypern, Kenia, Thailand, Georgien und Aserbaidschan zu vereiteln. Nur bei einem Sprengstoffanschlag auf ein Botschaftsfahrzeug in Delhi wurde die Ehefrau eines israelischen Diplomaten verletzt.

          „Wenn wir einen Hinweis erhalten, reichen wir ihn normalerweise sofort weiter“, sagte Danny Jatom am Donnerstag. Der frühere Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad nimmt deshalb an, dass es vorher keine entsprechenden Informationen gegeben habe. Dass die Terroristen in Bulgarien zuschlugen, hält Jatom für einen Zufall. Es mag vielleicht „Schläferzellen“ gegeben haben, aber „entscheidend waren die vielen tausend Israelis, die ein einfaches Ziel darstellten“.

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