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Nach Anschlag in Straßburg : Mutmaßlicher Attentäter wurde aus Deutschland abgeschoben

  • Aktualisiert am

An der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland kontrollieren Bundespolizisten Autos und Insassen. Bild: dpa

Nach dem Terrorangriff in Straßburg wird weiter nach dem Täter gefahndet – es soll sich um einen Franzosen mit nordafrikanischen Wurzeln handeln. An der deutsch-französischen Grenze müssen sich Pendler auf strenge Kontrollen einstellen.

          Der mutmaßliche – und derzeit noch flüchtige – Angreifer von Straßburg ist nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein französischer Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln. Der 29-Jährige wurde demnach vom Amtsgericht Singen wegen mehrfachem schweren Diebstahls zu mehrere Jahren Haft verurteilt und saß in Deutschland im Gefängnis. Mitte 2016 wurde er zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt, weil er in eine Zahnarztpraxis in Mainz und eine Apotheke im Süden Baden-Württembergs eingebrochen war. Zuvor wurde er unter anderem schon 2008 in Frankreich und 2013 in der Schweiz jeweils wegen mehrerer Einbrüche zu Gefängnisstrafen verurteilt. Alle Taten hat er zugegeben.

          Nach dem Verbüßen der Strafe wurde er im Jahr 2017 nach Frankreich abgeschoben, wie die dpa am Mittwoch weiter erfuhr. Er sei zusammen mit sechs Geschwistern im Elternhaus in Straßburg aufgewachsen, habe einen dem Hauptschulabschluss vergleichbaren Abschluss, aber keine Ausbildung gemacht. Nach der Schule habe er bei der Gemeinde gearbeitet, seit 2011 sei er arbeitslos gewesen und nach eigener Aussage viel gereist. Schon vor seiner Verurteilung in Singen habe er insgesamt vier Jahre in Gefängnissen verbracht, heißt es im Urteil.

          Strenge Kontrollen an Grenze zu Deutschland

          Nach der Attacke auf den Weihnachtsmarkt hat die französische Regierung die höchste Terrorwarnstufe für das Land ausgerufen. Die Warnstufe des Anti-Terror-Plans Vigipirate werde auf das höchste Niveau „urgence attentat“ angehoben, sagte Innenminister Christophe Castaner in der Nacht auf Mittwoch in Straßburg.

          Laut Castaner hätte sich der Angreifer bei der Flucht zwei Mal Schusswechsel mit Sicherheitskräften geliefert. An der Suche nach dem 29-Jährigen seien derzeit 350 Sicherheitskräfte beteiligt. Unterstützt wurden diese unter anderem von zwei Hubschraubern. Auch die Bundespolizei kontrolliert mehrere Grenzübergänge von Deutschland nach Frankreich. Wie ein Sprecher am Mittwochmorgen sagte, ist die Polizei in Kehl, Iffezheim, Breisach und Rheinau im Einsatz. Pendler von Deutschland nach Frankreich müssten sich auf Wartezeiten bis zu 90 Minuten einstellen, hieß es weiter. Wie lange die Kontrollen noch andauern, sei unklar. „Wir sind auf die Kollegen in Frankreich angewiesen. Solange die Lage nicht bereinigt ist, werden wir weiter kontrollieren“, sagte der Polizeisprecher.

          Nicht nur der Straßenverkehr, sondern auch der öffentliche Nahverkehr werde überprüft. Dazu zählt auch die grenzüberschreitende Tram D. Diese war in der Nacht bereits komplett gesperrt worden, inzwischen fährt sie aber wieder. Laut Polizei wird auch die Fußgänger- und Radfahrerbrücke Passerelle des Deux Rives zwischen Kehl und Straßburg kontrolliert.

          Insgesamt sind bei dem Anschlag drei Menschen getötet worden. Es seien zudem 14 Menschen verletzt worden, davon sieben schwer und sieben leicht, teilte die Regionalverwaltung mit. Am frühen Mittwochmorgen bestätigte das Außenministerium in Bangkok zudem, dass ein thailändischer Tourist unter den Opfern des Anschlags ist. Der 45 Jahre alte Mann war zusammen mit seiner Frau im Urlaub in Frankreich. Das Paar war erst wenige Stunden zuvor eingetroffen. Die Frau blieb dem Ministerium zufolge unverletzt. Nach Medienberichten starb der Thailänder durch einen Schuss in den Kopf. Nach den bisherigen Erkenntnissen des Auswärtigen Amtes sind bei dem Anschlag keine Deutschen getötet oder verletzt worden.

          Schwerbewaffnete Soldaten stehen vor den geschlossenen Verkaufsbuden des Weihnachtsmarktes vor dem Straßburger Münster. Bilderstrecke

          Derweil sicherte Staatschef Emmanuel Macron den Opfern des Angriffs die Solidarität Frankreichs zu. „Solidarität der gesamten Nation mit Straßburg, unseren Opfern und ihren Familien“, schrieb Macron im Kurzbotschaftendienst Twitter. Auch Bundesaußenminister Heiko Maas hat sich „tief erschüttert“ über den Terroranschlag geäußert und die „feige Tat“ verurteilt. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern, unser Mitgefühl gilt ihren Angehörigen“, schrieb der SPD-Politiker am Mittwochmorgen auf Twitter. Die Bundesregierung tue alles, um den französischen Freunden beizustehen, versicherte Maas.

          Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen hat unterdessen vor einer Bedrohung durch den Islamismus in Frankreich gewarnt. „Man muss wissen, Straßburg ist eine Festung des islamistischen Fundamentalismus“, sagte Le Pen dem Fernsehsender France 2 am Mittwoch. Ein aus dem Ausland finanzierter Salafismus breite sich im Land aus. Sie verstehe nicht, warum man sich in ihrem Land weigere, gegen den Fundamentalismus vorzugehen, schrieb Le Pen weiter. Es handele sich um eine „tödliche Ideologie“, die binnen sechs Jahren 250 Tote und Hunderte Verletzte in Frankreich gefordert habe. Deshalb habe ihre Nationale Sammlungsbewegung ein nationales Vorgehen gegen den Terrorismus gefordert.

          Der tödliche Anschlag am Straßburger Weihnachtsmarkt hat auch die Abgeordneten des EU-Parlaments in eine Ausnahmesituation gebracht. Über Stunden hinweg saßen die Volksvertreter in dem Parlamentsgebäude in der Stadt im Elsass fest. Am frühen Mittwochmorgen teilte Parlamentspräsident Antonio Tajani seinen im Plenarsaal versammelten Kollegen dann mit, sie dürften das Parlamentsgebäude abseits des Stadtzentrums verlassen – allerdings nur auf eigenes Risiko. Wer ins Stadtzentrum hinein wolle, dürfe dies ausschließlich in einem von der Polizei gesicherten Konvoi, betonte Tajani. „Es ist unmöglich, ohne solch einen Konvoi ins Zentrum zu gelangen“, fügte er hinzu.

          Der CDU-Europaabgeordnete Sven Schulze hatte der „Bild“-Zeitung gegen Mitternacht die beklemmende Lage am Telefon geschildert – zu einer Zeit, als noch niemand in das Parlamentsgebäude hinein und auch niemand hinaus durfte: „Es sind immer noch mehrere hundert Menschen im Parlament. Abgeordnete, Mitarbeiter – als das Gebäude abgeriegelt wurde, herrschte Hochbetrieb. Die Stimmung ist sehr bedrückt. Viele fühlten sich an den Brüsseler Anschlag von 2016 erinnert.“

          Beim bisher schwersten Terroranschlag auf belgischem Boden hatten islamistische Extremisten in Brüssel am 22. März 2016 in der Metro sowie am Flughafen 32 Menschen getötet.

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