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Kommentar zu Straßburg : Das ist deutsche Hybris

Rückkehr zur Normalität? Am Freitag liefen die Menschen in Straßburg wieder über den Weihnachtsmarkt. Bild: dpa

Kann es uns wirklich besser als Franzosen, Briten und Spaniern gelingen, die Ausbreitung von integrationsunwilligen Parallelgesellschaften zu verhindern?

          In Straßburg, so hieß es am Freitag, „kehrte wieder etwas Normalität ein. Der Weihnachtsmarkt wurde wiedereröffnet.“ Normalität? Es ist gut, dass das Leben auch nach der jüngsten Bluttat weitergeht und die Straßburger und ihre Besucher nicht in ihren Häusern oder Hotels bleiben. Diesen Triumph dürfte man den Tätern nicht gönnen, weil er potentielle Nachfolger dazu einlüde, ihn noch länger auszukosten. Doch leider ist es den Attentätern vom Berliner Breitscheidplatz und von Straßburg gelungen, die Freunde von Weihnachtsmärkten nicht länger nur an Glühwein und Lebkuchen denken zu lassen. In die Bilder im Kopf drängen sich inzwischen auch Mörder und Lastwagen, die ein kitschiges, aber friedliches Feiern in blutige Infernos verwandeln. In den Dunst von gebrannten Mandeln und Kartoffelpuffern mischt sich der Geruch von Unsicherheit, mitunter gar von Angst.

          Deutsche Politiker sollten es daher dem französischen Präsidenten gleichtun und auch über einen Christkindmarkt gehen, schon um dort Flagge zu zeigen. Bei solchen Gelegenheiten kann man mit Bürgern ins Gespräch kommen, die sich seit der Masseneinwanderung vor drei Jahren fragen, ob „Wir schaffen das“ wirklich schaffbar ist.

          Eine Generation, die sich gar nicht integrieren will

          Die Skepsis bezog sich schon damals nicht allein darauf, dass ein solcher Andrang von der Begrüßung bis zur möglichen Abschiebung gesetzeskonform zu bewältigen sei. Die größere, weil weiter in die Zukunft blickende Sorge lautete: Gelingt es uns, eine sehr große Zahl von Migranten aus aller Herren Länder so schnell und gut zu integrieren, dass bestehende Parallelgesellschaften nicht vergrößert oder gar neue gegründet werden?

          Dass man daran Zweifel haben kann, ja muss, zeigen auch der Fall und der Hintergrund des Attentäters von Straßburg. Er ist ein weiteres Beispiel für einen Angehörigen einer modernen „lost generation“, die sich von ihrem Geburtsland abgewandt hat oder sich ihm gar nicht erst zuwandte – einer Generation, die sich gar nicht integrieren will. Dieses Phänomen ist nicht nur in Frankreich zu beobachten. Wir Deutsche aber wollen beim Integrieren von Einwanderern alles so viel besser wissen und machen als Franzosen, Briten und Spanier? Wo uns das schon bei den „Gastarbeitern“ nur höchst unzureichend gelang? Das ist deutsche Sozialpädagogenhybris. Man kann Warschau, Prag und Budapest in der Migrationspolitik manches vorwerfen – aber nicht, dass man dort so vermessen wäre wie in Berlin.

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