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Anschlag in St. Petersburg : „Erst der Anfang“

Trauer um die Opfer des Sprengstoffanschlags in der St. Petersburger U-Bahn-Station „Technologisches Institut“ Bild: dpa

Erst jetzt hat sich eine Terrororganisation zum Anschlag in der St. Petersburger U-Bahn Anfang April bekannt. Sie ist nicht die einzige, die sich mit Angriffen auf Russland brüstet.

          3 Min.

          Nach dem Sprengstoffanschlag in der St. Petersburger U-Bahn Anfang des Monats führen immer mehr Spuren nach Kirgistan. 16 Menschen haben durch die Explosion ihr Leben verloren, einschließlich des mutmaßlichen Selbstmordattentäters. Akbarschon Dschalilow stammte aus der kirgisischen Stadt Osch. Zehn Personen, die in den Anschlag verwickelt sein sollen, sitzen in Haft, sechs von ihnen wurden in St. Petersburg, vier in Moskau festgenommen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Auch sie stammen aus Zentralasien. Zu den Inhaftierten zählen die Brüder Abror und Akram Asimow, die den Ermittlern als Organisatoren gelten. Wie Dschalilow sind sie ethnische Usbeken aus Kirgistan; ihre Wege sollen sich in Osch gekreuzt haben. Alle drei hatten die russische Staatsangehörigkeit erhalten, allen dreien wurde sie nun wieder aberkannt, Dschalilow naturgemäß postum.

          In russischen Medien wurde der Name eines weiteren Mannes aus der Gegend von Osch genannt, den die Ermittler für den Auftraggeber des Anschlags hielten: Siroschiddin Muchtarow, genannt Abu Salach al Usbeki. Die kirgisischen Behörden machen ihn für einen Selbstmordanschlag auf die chinesische Botschaft in Bischkek Ende August 2016 verantwortlich. Er soll früher in Russland gearbeitet haben, nun in Syrien eine Gruppe uigurischer Kämpfer anführen und mit der (früheren) Nusra-Front verbunden sein.

          Auch der IS prahlt mit Angriffen auf russische Sicherheitskräfte

          Erst jetzt hat sich eine Terrororganisation mit dem Petersburger Anschlag gebrüstet: Eine Gruppe, die sich Imam-Schamil-Bataillon nennt, behauptet in einer über die mauretanische Nachrichtenagentur ANI verbreiteten Erklärung, Dschalilow sei ein „Ritter“ des Schamil-Bataillons gewesen, habe nach Anweisungen des Al-Qaida-Führers Ayman al Sawahiri gehandelt und seine „heldenhafte Operation“ ausgeführt, während gerade Russlands Präsident Wladimir Putin in St. Petersburg weilte.

          Letzteres ist bekannt, für die Fragen der Urheber- und Mitgliedschaft blieb die Gruppe Beweise schuldig. Der Angriff, hieß es in der Erklärung weiter, sei eine Vergeltung für russische Gewalt gegen muslimische Länder wie Syrien und für das, was in der russischen Nordkaukasus-Teilrepublik Tschetschenien geschehe; die Operation sei „erst der Anfang“. Laut ANI gründete sich das Schamil-Bataillon in Afghanistan bald nach Beginn von Russlands Syrien-Einsatz im Herbst 2015.

          Mit Terrorangriffen auf und in Russland hatte sich zuletzt nicht Al Qaida, sondern der „Islamische Staat“ (IS) gebrüstet, so mit jüngsten Angriffen auf Sicherheitskräfte in Tschetschenien und der Stadt Astrachan. Viktor Oserow, der Leiter des Verteidigungs- und Sicherheitsausschuss im russischen Oberhaus, bezeichnete es als „überraschend“, dass das Schamil-Bataillon so lange geschwiegen habe. Er hob hervor, dass es ohne Russlands Eingreifen in Syrien „womöglich viel mehr solcher Terrorangriffe gäbe“. Eine „große Zahl von Terroristen“ – wie viele, könne „derzeit niemand zählen“ – sei dort vernichtet worden, viele von ihnen seien russische Staatsbürger und solche aus den früheren Sowjetrepubliken.

          Tatsächlich unterscheiden sich die offiziellen Angaben der Zahlen zu Russen und Zentralasiaten, die in Syrien und dem Irak für den IS oder andere Gruppen kämpfen, sehr stark. So können die Zahlen, die Putin zuletzt nannte – 4000 Russen, 5000 Zentralasiaten – bestenfalls als Richtwert dienen. Noch schwieriger wird es mit Blick auf Erfolgsmeldungen. Verteidigungsminister Schojgu behauptete Mitte März 2016, es seien durch Russlands Luftschläge in Syrien „mehr als 2000 Banditen“ aus Russland, unter ihnen „17 Feldkommandeure“ getötet worden.

          Anschlag wirft eine Reihe von Fragen auf

          Der Petersburger Anschlag wirft eine Reihe Fragen auf. So sollen Dschalilow und die Brüder Asimow längere Zeit in der Türkei verbracht haben und von dort womöglich nach Syrien gereist sein, ohne dass dies bei ihrer Rückkehr nach Russland aufgefallen wäre. Alexander Bortnikow, der Leiter des FSB, gab lediglich zu, dass die „operative Arbeit“ der Geheimdienste mit Blick auf Terrorgefahren aus den Reihen der Millionen Arbeitsmigranten aus Zentralasien womöglich nicht genüge.

          Es geht nicht nur um Sprachhürden und die Vertrauenswürdigkeit der zentralasiatischen Partnerdienste, die, wie Moskau, Gegner pauschal als „Extremisten“ einstufen. Schon, wie viele Arbeitsmigranten in Russland sind, ist unklar. Sie müssen mittlerweile eine Arbeitserlaubnis, das sogenannte Patent, erwerben, dürfen aber weiter ohne Visum und Sicherheitsüberprüfung nach Russland einreisen.

          Eine zaghafte Diskussion darüber, ob Russland die Visumfreiheit für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, darunter die zentralasiatischen Staaten, beibehalten will, beendete Putin mit einer Interviewäußerung am 12. April: „Objektive Umstände“ machten es unmöglich, Migration zu stoppen, sagte der Präsident und hob Vorteile für die „Integration“ in der Eurasischen Wirtschaftsunion hervor.

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