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Anschlag in Ottawa : Der innere Feind

Der Anschlag von Ottawa traf Kanada nicht unvorbereitet. Im Gegenteil. Die Kanadier wissen, dass sie mit ihren inneren Feinden leben müssen.

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          Im beschaulichen Kanada hätte man so etwas nicht erwartet. Das sagte ein Teilnehmer einer Delegation von CSU-Abgeordneten, der Zeuge war, als ein Bewaffneter das kanadische Parlament stürmte. Aber Kanada, das riesige Einwanderungsland, ist nicht die Schweiz der westlichen Hemisphäre. Unter dem konservativen Premierminister Stephen Harper ist Kanada eine treibende Kraft bei der Allianzbildung zur Eindämmung des islamischen Terrors.

          Dass die kanadischen Geheimdienste die Geheimnisse ihrer amerikanischen Kollegen erfahren, belohnt aktuelle Leistungen, nicht historische Verdienste. Den 92 Meter hohen Turm über dem Haupteingang des Parlaments nennen die Kanadier zwar Friedensturm, obwohl er amtlich Sieges-und-Friedensturm heißt. Aber sie verdrängen nicht, dass sich für den Krieg rüsten muss, wer den Frieden bewahren will. Die Kadetten, zwölfjährige Buben in adretten Uniformen, gleichsam die Pfadfinder der wehrhaften Demokratie, gehören im ganzen Land zum Stadtbild. Am Mittwoch erhielten sie den Befehl, die Uniformen vorsichtshalber abzulegen.

          Der Anschlag traf Kanada nicht unvorbereitet. Im Gegenteil hat man sich fast schon übergründlich auf die unvermeidliche Eventualität vorbereitet, dass ein „einsamer Wolf“, ein Dschihadist ohne Komplizen, unschuldige Opfer reißt.

          Am Montag geschah es dann. Ein Konvertit setzte sich in einem Vorort von Montreal ins Auto, wartete zwei Stunden und fuhr zwei Soldaten um. Einer von ihnen starb.Ein Prediger des sogenannten Islamischen Staates hatte die Anhänger des Kalifen aufgefordert, das Kraftfahrzeug zur Waffe zu machen. Mit dem Täter hatten die Behörden monatelang geredet, um ihn zum Ausstieg vor dem Einstieg zu bewegen. Jetzt wird ausgesprochen, dass fürsorgliche Bemühungen dieser Art auch eine Klärung im Sinne einer Abwendung von Recht und Frieden herbeiführen können. Eine Alternative gibt es nicht. Kriegsvorbeugung kann nicht ungefährlich sein.

          Ein sozialdemokratischer Provinzpolitiker sagte, mit den Schüssen im Parlament habe Kanada seine Unschuld verloren. Aber dieser Verlust wurde schon zu häufig beschworen. Gerade die Linke war es, deren multikulturelle Geschichtspolitik ein Bewusstsein dafür geschaffen hat, dass der kanadische Staat, das Produkt einer kolonialen Landnahme, nie unschuldig gewesen ist. Die Kanadier wissen, dass sie mit ihren inneren Feinden leben müssen.

          Attentat : Die Menschen in Kanada trauern

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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