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Messerangriff in Nizza : Frankreich unter Attacke

Polizisten sichern nach der Messerattacke in Nizza die Kirche Notre-Dame. Bild: dpa

Wieder erschüttert ein islamistischer Anschlag Frankreich. „Wir werden nicht nachgeben“, verspricht Präsident Macron. Doch die Verunsicherung im Land, das durch das Coronavirus ohnehin an seine Grenzen kommt, ist groß.

          3 Min.

          Wie viele Tragödien auf einmal kann eine Nation vertragen? Diese Frage stellten sich am Donnerstag viele Franzosen – und wohl auch viele Menschen im Ausland. Am Mittwochabend hatte Präsident Emmanuel Macron einen neuen landesweiten Lockdown ausgerufen, denn die Zahl der Toten durch das Coronavirus ist wieder bedenklich gestiegen, laut der Gesundheitsbehörden zuletzt auf 35.786 Fälle. Diese vielen Einzeltragödien traten aber schon am folgenden Tag wieder in den Hintergrund, weil der islamistische Terror nur zwei Wochen nach dem brutalen Mord an einem Lehrer bei Paris abermals zugeschlagen hat.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Diesmal traf es die Sonnenstadt Nizza an der französischen Riviera, jenes Nizza, dessen Licht, Strand und Meeresküste die Besucher begeistert, die sich aber auch durch den Terroranschlag vom 14. Juli 2016 mit 86 Toten durch einen Mörder im Lastwagen eingeprägt hat. Am Donnerstag kurz vor neun Uhr drang ein 21 Jahre alter Mann in die Basilika von Notre Dame de l'Assomption im Zentrum von Nizza ein. Nach französischen Medienangaben handelt es sich um einen Tunesier, der im September über Lampedusa nach Europa kam. Der Mann griff unmittelbar mehrere Menschen mit einem Messer an. Eine siebzigjährige Gläubige tötete er offenbar in ähnlicher Weise, wie es der Attentäter des Lehrers Samuel Paty getan hatte, der sein Opfer erstach und enthauptete. Auch den 54 Jahre alten Küster, einen Vater zweier Kinder, der allseits für seine Liebenswürdigkeit geschätzt wurde, brachte der Angreifer mit seinem Messer um. Eine rund 40 Jahre alte Frau konnte noch in eine nahegelegene Bar flüchten, unterlag aber dort ihren Verletzungen.

          Die städtische Polizei ist oft auf der stark frequentierten Avenue Jean Médecin unterwegs, an der die Basilika liegt. Mehrere Beamte betraten mit gezückten Pistolen um kurz nach neun Uhr die Kirche und machten den Attentäter durch Schüsse unschädlich. Trotz seiner schweren Verletzungen rief er weiter „Allah Akbar“, berichtete der Bürgermeister von Nizza Christian Estrosi.

          Einmal mehr steht Frankreich nun unter Schock. Und die Nervosität steigt. In Avignon erschoss die Polizei am Donnerstagvormittag einen Mann in der Nähe eines Psychiatrischen Krankenhauses, der eine Pistole bei sich hatte und offenbar Passanten bedrohte. Ein terroristischen Zusammenhang schloss die Polizei danach aber aus. In Lyon wurde in der Nähe des Bahnhofs Perrache zudem ein Mann mit einem 30 Zentimeter langen Messer festgenommen. Der Mann afghanischen Ursprung soll nach französischen Medienberichten in jüngerer Zeit radikal-islamistische Tendenzen gezeigt haben. Auch im Ausland geriet Frankreich unter Druck: Vor einem französischen Konsulat im saudi-arabischen Dschedda wurde am Donnerstagvormittag eine Wachperson einer Sicherheitsfirma mit einem Messer verletzt. Ein Mann kam in Haft, wie die französische Botschaft in Saudi-Arabien mitteilte.

          Macron: „Wir werden nicht nachgeben“

          So ist die Betroffenheit wieder groß: Um 15 Uhr läuteten in ganz Frankreich die Kirchenglocken zum Gedenken an die Opfer. Präsident Macron eilte nach Nizza und versprach dort, das Militär verstärkt zum Schutz der Franzosen einzusetzen. Die Personalstärke der schwer bewaffneten Patrouillen, die seit den Anschlägen von 2015 und 2016 fast schon zum Alltag auf den Straßen der französischen Großstädte gehören, soll von 3000 auf 7000 Soldaten aufgestockt werden. „Frankreich ist für die Werte attackiert worden, für die es einsteht, für sein Streben nach Freiheit“, sagte Macron und versprach seine „absolute Entschlossenheit“, um die Bürger zu schützen und auf die Anschläge zu reagieren. „Wir werden nicht nachgeben“.

          „Frankreich ist für die Werte attackiert worden, für die es einsteht, für sein Streben nach Freiheit“: Präsident Emmanuel Macron am Donnerstag in Nizza
          „Frankreich ist für die Werte attackiert worden, für die es einsteht, für sein Streben nach Freiheit“: Präsident Emmanuel Macron am Donnerstag in Nizza : Bild: dpa

          Doch je länger die Liste der Anschläge wird, desto mehr verstärkt sich der Eindruck der Hilflosigkeit gegen die Attacken, die Sicherheitsexperten als „Low cost“-Terrorismus bezeichnen. Die Vorfälle sind so zahlreich, dass sie es nicht immer in die Hauptnachrichten schaffen. Im Januar tötete ein 22-jähriger Attentäter in Villejuif südlich von Paris einen Mann mit einem Messer und verletzte zwei Frauen schwer. „Allah Akbar“ war sein Schlachtruf. Im gleichen Monat wurde in Metz ein Mann festgenommen, der das gleiche rief und Polizisten angriff. Anfang April tötete ein Mann in Romans-sur-Isère bei Valence zwei Passanten und verletzte fünf andere. Ende April fuhr ein Mann mit seinem Auto bewusst in zwei Polizisten auf Motorrädern. Er hatte der Terrororganisation „Islamischer Staat“ die Treue geschworen. Mehr Aufmerksamkeit erhielt dann die Messerattacke auf zwei Menschen vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im September. Auch sie wurden schwer verletzt. Die Liste ließe sich leicht fortsetzen: 2019 und 2018 kam es zu jeweils drei ähnlichen Attacken.

          Nizzas Bürgermeister schlägt Alarm

          Betroffenheit reiche jetzt nicht mehr, plädiert der Bürgermeister von Nizza Christian Estrosi. Der konservative Politiker fordert schon länger schärfere Maßnahmen. Man müsse „die Gesetze des Friedens aussetzen, um den Islamo-Faschismus auszulöschen“, forderte er und nannte es ein Unding, dass er aufgrund der Datenschutz-Gesetzgebung etwa die elektronische Gesichtserkennung nicht einsetzen dürfe. Es sei auch ein Unding, dass man Ausländer mit bekanntem Gefährdungspotential nicht konsequent abschiebe und französische Straftäter in den Gefängnissen nicht streng isoliere. Als Bürgermeister würde er gerne stärker am Kampf gegen den Terrorismus beteiligt werden, doch er habe nicht das Recht, von den Geheimdiensten über die als gefährlich eingestuften Personen informiert zu werden, beklagte Estrosi.

          Am Freitag trifft sich in Paris wieder der Verteidigungs- und Sicherheitsrat Frankreichs, in dem der Präsident mit den wichtigsten Minister berät. Schon zweimal war das Gremium in dieser Woche zusammengekommen – aus Anlass der Pandemie. Frankreich wirkt in diesen Tagen wie im Belagerungszustand. Der Feind – in Form von Viren oder von Terroristen – weilt allerdings schon mitten unten den Franzosen.

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