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Anschlag in Christchurch : Trump wehrt sich gegen Vorwürfe der Mitschuld

  • -Aktualisiert am

Gedenken an die Opfer in Neuseeland Bild: AFP

Das Manifest des Christchurch-Attentäters erwähnt Donald Trump lobend. Dieser erkennt im weißen Nationalismus keine wirkliche Gefahr und sieht sich zu Unrecht beschuldigt. Auch Youtube-Star „PewDiePie“ muss sich distanzieren.

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          Am Tage des blutigen Terrorakts in Christchurch, bei dem 50 Menschen starben, sprach Donald Trump den neuseeländischen Bürgern per Twitter sein „wärmstes Mitgefühl“ aus und verurteilte die Tat als „entsetzliches Massaker“.

          Der Täter, der zwei Moscheen attackiert hat, offenbarte über sein im Internet verbreitetes Manifest „Der große Austausch“ ein radikales, rechtsextremes Weltbild. Darin bezeichnet er sich selbst als Rassisten und bekennt sich zum weißen Nationalismus. Den norwegischen Massenmörder und Rechtsextremen Anders Breivik nennt er explizit als Vorbild. Auch Trump fand unrühmliche Erwähnung in dem 74-seitigen Bekenntnisschreiben, nämlich als „Symbol einer erneuerten weißen Identität und eines gemeinsamen Ziels.“

          Auf einer Pressekonferenz am Freitag teilte der amerikanische Präsident mit, er habe das Manifest nicht gelesen. „Aber ich denke, es ist ein entsetzliches Ereignis, eine entsetzliche Sache“, sagte er. Jedoch antwortete er auf die Frage, ob der weiße Nationalismus eine wachsende Gefahr darstelle, mit den Sätzen: „Nicht wirklich. Ich denke, das ist eine kleine Gruppe von Leuten, die sehr ernste Probleme haben. Vielleicht ist Neuseeland ein solcher Fall, ich weiß noch nicht genug darüber.“

          Die verharmlosenden Äußerungen haben der Debatte über die womöglich unheilvolle Wirkung von Trumps Rhetorik zur Einwanderung und dem Islam neues Leben eingehaucht. Dabei haben laut der „Washington Post“ nur wenige amerikanische Medien den Präsidenten direkt für das Christchurch-Massaker verantwortlich gemacht. Allerdings kramten sie anti-muslimische Tweets und Aussagen Trumps aus der Vergangenheit hervor: Im Zusammenhang mit seinem als „muslim ban“ („Muslimensperre“) kritisierten Einreiseverbot von 2017 sagte er etwa CNN: „Ich denke, der Islam hasst uns.“ Für die „New York Times“ ist die Einreisesperre, die sich vornehmlich gegen muslimische Länder richtete und von amerikanischen Gerichten gekippt wurde, ohnehin Ausdruck der islamfeindlichen Haltung Trumps. „Kein Wunder, dass das Christchurch-Manifest Trump preist“, heißt es in einem Kommentar. Der amerikanische Präsident habe dem Attentäter als Quelle der Inspiration gedient.

          Davon abgesehen verharmloste Trump den weißen Nationalismus nicht zum ersten Mal. Nach den rechtsextremen Aufmärschen in Charlottesville im Sommer 2017, bei denen ein Gegendemonstrant getötet wurde, erntete Trump wegen seiner relativierenden Äußerungen scharfe Kritik. Zunächst blieb er eine deutliche Verurteilung der Gewalt schuldig und betonte stattdessen, dass unter den rechten Demonstranten „sehr feine Leute“ gewesen seien.

          Auf Twitter wies der Präsident am Montag die Anschuldigungen im Zusammenhang mit dem Anschlag von Christchurch als „lächerlich“ zurück: „Die Fake-News-Medien machen Überstunden, um mich für die entsetzliche Attacke in Neuseeland verantwortlich zu machen. Sie werden sehr hart arbeiten müssen, um das zu beweisen.“

          Laut der „Washington Post“ reagierte auch der amtierende Stabschef des Weißen Hauses, Mick Mulvaney, auf die Vorwürfe: „Der Präsident ist kein weißer Nationalist.“, sagte er am Sonntag. Es sei absurd, eine Verbindung zwischen Trumps Aussagen zur Einwanderung und den Taten eines Schützen zu ziehen, der weißen Nationalismus propagiert.

          Auf die Frage, ob sie Trumps Einschätzung, der weiße Nationalismus sei keine wirkliche Gefahr, teile, erwiderte die neuseeländische Premierministerin Jacinta Ardern ein simples „Nein“, wie die australische Nachrichtenseite „Stuff“ berichtet. Sie telefonierte mit Trump am Samstagmorgen (Ortszeit in Neuseeland). Der amerikanische Präsident habe sich Ardern zufolge erkundigt, wie die Vereinigten Staaten helfen könnten. Die Antwort der Premierministern: „Mitgefühl und Liebe für alle muslimischen Gemeinden.“ Trump habe diese Botschaft bestätigt und ihr zugestimmt. Über dasselbe Gespräch twitterte der Präsident: „Ich habe die Premierministerin informiert, dass wir mit Neuseeland zusammenstehen – und dass wir mit jeder Unterstützung, die die Vereinigten Staaten leisten können, bereitstehen. Wir lieben dich, Neuseeland!“

          Nicht nur der amerikanische Präsident sah sich gezwungen, persönlich von den Anschlägen in Christchurch Abstand zu nehmen. Auch Youtube-Star „PewDiePie“, mit bürgerlichem Namen Felix Kjellberg, musste sich überraschend distanzieren. In dem Live-Video, womit der Attentäter seine grausame Mordserie festhielt, ruft der Schütze dazu auf, den Kanal von „PewDiePie“ zu abonnieren. Der Schwede Kjellberg liefert sich momentan mit dem indischen Musiklabel „T-Series“ ein von ihm dramatisiertes Kopf-an-Kopf-Rennen um den Youtube-Kanal mit den meisten Abonnements – ein Titel, den „PewDiePie“ zuvor seit Jahren mühelos halten konnte. Beide Kanäle zählen um die 90 Millionen Abonnenten.

          Auf Twitter äußerte sich Kjellberg deutlich: „Ich bin fassungslos, dass mein Name von dieser Person ausgesprochen wurde. Mein Herz und meine Gedanken gehen an die Opfer, Familien und an alle von dieser Tragödie Betroffenen.“

          Kjellberg, für seine provokante Art bekannt, geriet 2017 wegen antisemitischen Scherzen bereits in die Kritik. Über die Internetplattform „Fiverr“ hatte er zwei Männer dafür bezahlt, ein Schild mit den Worten „Tod allen Juden“ hochzuhalten. Das „Wall Street Journal“ brachte daraufhin weitere fragliche Scherze und Nazi-Anspielungen von „PewDiePie“ ans Licht. Kjellberg entschuldigte sich zwar, doch kündigten ihm Youtube sowie die Disney-Tochter „Maker-Studios“ lukrative Verträge.

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