https://www.faz.net/-gpf-9kvxd

Terror in Christchurch : „Rechtsterroristen und Dschihadisten befruchten sich gegenseitig“

  • -Aktualisiert am

Mitglieder einer Spezialeinheit der Polizei (AOS) drängen Schaulustige vor einer Moschee in Christchurch zurück. Bild: dpa

In Neuseeland sterben mindestens 49 Menschen bei einem Attentat. Der Täter sieht sich in der Tradition der Kreuzzüge. Terrorforscher Peter Neumann spricht im Interview über eine unheilvolle Allianz von Islam- und Christenhassern.

          Herr Neumann, Neuseeland gilt, zumindest was Gewalt angeht, als „Insel der Seligen“: Mit niedriger Mordrate und einem hohen Lebensstandard. Trügt der Schein?

          Wir beobachten in Neuseeland genau wie in allen anderen westlichen Ländern eine Polarisierung, die in den letzten Jahren entstanden ist. Sie betrifft verschiedene Formen von Terror. Auf der einen Seite Dschihadisten, aber eben auch – und das stellen wir flächendeckend fest – eine Radikalisierung von rechter Seite. Das Manifest des Attentäters, welches er wohl auf Twitter veröffentlichte, zeigt deutlich, dass er in virtuellen Subkulturen aktiv war: Internetplattformen wie zum Beispiel „4chan“, auf denen sich Personen mit extremen Auffassungen über Landesgrenzen hinweg vernetzen. Sie tauschen Ideen aus und stiften sich auch zu terroristischen Taten an. Das hat transnationale Dimensionen und lässt sich nicht auf Neuseeland reduzieren.

          Wir haben es also mit einem Netzwerk an potentiellen Terroristen zu tun?

          Ja. In vielen Fällen ist es eine Illusion zu glauben, dass sich Attentäter ganz eigenständig radikalisiert haben. Oft waren die Personen sozial vernetzt, aber eben häufig virtueller Art. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Täter Teil einer virtuellen rechten Szene war. Von wo aus die Rechtsextremen agieren, ob in Neuseeland, Europa oder Amerika, ist gar nicht der ausschlaggebende Punkt. Der Attentäter von Christchurch hat sich vielmehr als Teil eines Milieus begriffen und das hat seine Ideen mit geprägt.

          Virtuelle Vernetzung hat auch schon bei anderen Anschlägen eine Rolle gespielt, man weiß also davon. Der Verfassungsschutz in Deutschland beobachtet die aktive rechte Szene sehr intensiv. Man kennt die Personen, die als Rechtsextreme auf die Straße gehen. Die Frage ist, wie sehr die Leute beobachtet werden, die verdeckt in virtuellen Subkulturen unterwegs sind. Sind unsere Sicherheitsbehörden an diesen Orten präsent? Ich vermute, dass sie damit erst anfangen.

          Peter Neumann forscht am Londoner King’s College zum Thema Radikalisierung.

          In dem Manifest bekannte sich der Haupttäter offenbar zu dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik. Genau wie der im Februar festgenommene amerikanische Rechtsterrorist Christopher Hasson. Wie groß ist die Strahlkraft Breiviks in der rechten Szene?

          Breivik ist darin eine absolut wichtige Figur und wahrscheinlich einflussreicher, als viele bisher denken. Das besagte Manifest des Täters erwähnt ihn nicht nur, sondern offenbart, dass der Anschlag direkt an Breiviks Massenmord von 2011 anschließen soll.

          Des Weiteren beschreibt sich der Täter als Kreuzritter. Breivik hat diese Symbolik sehr populär gemacht, indem er sie bündelte, artikulierte und nach ihr handelte. In der rechten Szene stoßen wir seitdem permanent auf Symbole der Kreuzritter, für die Neurechten ein ganz wichtiges Motiv. Sie wähnen sich in der Tradition der Kreuzzüge und sehen sich als Verteidiger europäischer Kultur gegen den Islam. Mit seinem Anschlag schuf Breivik einen Präzedenzfall, der jetzt immer wieder nachgeahmt wird. 

          In Deutschland sprechen wir viel über islamistischen Terrorismus. Ein Anschlag von Rechtsradikalen wirkt da plötzlich überraschend. Sollte er das?

          Nein, wir beobachten in allen westlichen Ländern in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg sogenannter Hasskriminalität – Gewalt, die sich gegen Minderheiten oder Randgruppen richtet. Zugleich nimmt die geplante terroristische Aktivität zu, besonders auf rechter Seite. Das führte etwa dazu, dass Großbritannien vergangenes Jahr zum ersten Mal seit 1940 eine rechtsextreme Gruppierung, die „National Action“ („Nationale Aktion“), als terroristische Organisation verbot. Die Bekämpfung der rechtsextremen Szene wurde damit zur politischen Priorität.

          Doch das hängt auch mit dem islamistischen Terror zusammen. Die Rechtsterroristen verweisen bei ihren Taten auf die Dschihadisten und umgekehrt. Die Gefahr ist, dass dadurch Spiralen der Gewalt entstehen. Möchtegern-Dschihadisten mögen bereits darüber nachdenken, wie sie sich für Christchurch rächen und darauf könnten wieder Rechte reagieren. Wir müssen diese Gewaltspiralen verstehen, um sie dann zu durchbrechen.

          Wie typisch ist das Anschlagsmuster nach dem jetzigen Stand der Erkenntnisse?

          Der Anschlag fällt nicht aus der Reihe. Hinsichtlich der Taktik war er dem von Breivik ganz ähnlich. Im Auto des Attentäters wurden offenbar zwei Bomben entdeckt, die er womöglich später einsetzen wollte. Auch Breivik ließ eine Autobombe hochgehen, bevor er auf die Insel Utøya fuhr. Der norwegische Massenmörder bezog sich in seinem eigenen Manifest auf Al Qaida. Das war zwar der natürliche Feind, doch deren Anschlagstechnik schaute er sich trotzdem ab. Da befruchten sich verschiedene extremistische Szenen gegenseitig, kopieren sich und ahmen sich nach.

          Glauben Sie, dass sich vor diesem Hintergrund solche Taten künftig häufen könnten?

          Ich denke schon, dass gerade jetzt in den Tagen nach dem Anschlag eine erhöhte Gefahr besteht. Die Absicht dieser Tat und eines solchen Manifests ist es ja auch immer, Nachahmer zu ermutigen.

          Es wurde ja nicht nur das Manifest veröffentlicht, auch ein Video der Tat kursiert im Netz – aufgenommen vom Täter selbst.

          Das ist gefährlich. Seit Jahren haben wir die Betreiber sozialer Netzwerke davor gewarnt, dass Terroristen die Plattformen nutzen könnten, um eigene Anschläge live zu verbreiten. Das wurde zuerst 2012 beim antisemitischen Attentat von Mohamed Merah in Toulouse versucht, da hat es allerdings nicht funktioniert. Dass Täter damit erfolgreich werden, war nur eine Frage der Zeit.

          Weitere Themen

          Union beendet Europawahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel ist auch da : Union beendet Europawahlkampf

          Beim Abschluss des Europawahlkampfs der konservativen EVP in München ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit von der Partie. Das jähe Ende der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich ist auch hier Thema.

          Topmeldungen

          Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

          Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.