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Anschlag in Libyen : Die Handschrift von Dschihadisten

  • -Aktualisiert am

Das Werk von Terroristen: Die amerikanische Botschaft in Benghasi nach dem Angriff Bild: dapd

In Washington glaubt niemand mehr, dass der Angriff von Benghasi spontan war. Zu viel spricht dafür, dass Terroristen am Jahrestag von „9/11“ einen der ihren rächen wollten.

          6 Min.

          Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es zu jedem Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 ein Video, das vom Terrornetz Al Qaida ins Netz gestellt wird. Es ist eine Art „State of the Union“, das aus der Sicht Al Qaidas den Fortgang des islamistischen Krieges gegen die „gottlosen Kreuzritter“ unter Führung der Vereinigten Staaten und gegen Israel rekapituliert. In diesem Jahr wandte sich Ayman al Zawahiri in einer rund 42 Minuten langen Videobotschaft an die Internationale des gewaltsamen Dschihad.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zawahiri hat seit der Tötung Usama Bin Ladins bei der amerikanischen Kommandoaktion vom Mai 2011 in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad die Führung von Al Qaida übernommen. Neben den üblichen Tiraden findet sich in Zawahiris Videobotschaft folgende Mitteilung: „Nach dem Märtyrertod von Scheich Hassan Mohammed Qaed - Allah sei ihm gnädig - werden mit Allahs Hilfe noch mehr Menschen seinen Schriften und seinem Ruf folgen. Sein Blut ist ein Mahn- und Aufruf an euch alle, die Kreuzritter zu bekämpfen und zu töten.“ Einer der Kampfnamen Qaeds, der neben Zawahiri zur Führung Al Qaidas gehörte, lautete Abu Jahjah al Libi. Qaed wurde vermutlich 1963 in Libyen geboren - daher der Name „al Libi“ (der Libyer) - und schloss sich einer Extremistengruppe in Libyen an, die 1990 gegründet wurde und sich den Sturz des Diktators Muammar al Gaddafi sowie die Errichtung eines islamischen Staates in Libyen zum Ziel gesetzt hatte. Die Gruppe mit dem Namen „Al Dschamah al Islamija al Muqatilah bi Libija“ setzte sich wesentlich aus ehemaligen Afghanistan-Kämpfern zusammen, welche die sowjetischen Besatzer besiegt hatten.

          Libi und andere Kämpfer aus Libyen kehrten 2001 nach Afghanistan zurück, um dort abermals Krieg zu führen, diesmal gegen die amerikanischen Truppen und deren Verbündete. Libi wurde 2002 in Pakistan festgenommen und von den pakistanischen Behörden an die Amerikaner überstellt. Die brachten ihn ins Militärgefängnis auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram nahe Kabul. Von dort gelang Libi und anderen Kämpfern im Juli 2005 bei einem spektakulären Ausbruch die Flucht.

          Libi galt als charismatischer Führer der zweiten Generation, der einst in die Fußstapfen Bin Ladins und Zawahiris würde treten können. Er sprach neben Arabisch auch Urdu und Paschtu, in seinen Schriften und Videos zeigte er sich als besonders zorniger Einpeitscher für den bewaffneten Dschihad. Am 4. Juni dieses Jahres wurde er bei einem amerikanischen Drohnenangriff nahe Mir Ali in Nordwasiristan in Pakistan getötet.

          Erster Mord an Botschafter seit 1979

          Bestätigt wurde der Tod Libis durch Al Qaida erst am Vorabend des elften Jahrestages der Anschläge vom 11. September 2001 - und zwar in dem Video Zawahiris. In der Botschaft des „Emirs“ von Al Qaida ist unmissverständlich der Aufruf enthalten, den Tod Libis zu rächen, möglichst durch Aktionen in Libyen selbst. Alles spricht dafür, dass Zawahiris Kampfruf prompt befolgt wurde: Am Dienstag, auf den Tag genau elf Jahre nach den Anschlägen Al Qaidas von New York und Washington, wurden in Benghasi der amerikanische Botschafter in Libyen Chris Stevens und drei weitere Amerikaner getötet. Es war der erste Mord an einem amerikanischen Botschafter im Diensteinsatz im Ausland seit 1979. Inzwischen glaubt in Washington niemand mehr, dass es sich bei dem Angriff auf das Konsulatsgebäude in der ostlibyschen Stadt um den spontanen Wutausbruch eines Mobs gehandelt hat, der Anstoß an einem islamfeindlichen Video genommen hatte.

          Anders als die Proteste unbewaffneter Demonstranten in Kairo fand der Angriff von Benghasi nicht am helllichten Tag statt, sondern im Schutze der Dunkelheit. Gegen 22 Uhr Ortszeit traf die erste Angriffswelle von bis zu 50 schwerbewaffneten Islamisten das amerikanische Konsulat in einem Wohngebiet von Benghasi. Augenzeugen sahen bei den Angreifern, die lange Bärte trugen und mit Pritschenwagen fuhren, Schnellfeuerwaffen, Maschinengewehre und Panzerabwehrraketen, aber keine Transparente oder Plakate, wie sie Demonstranten mit sich zu führen pflegen. In weniger als 15 Minuten waren die libyschen Sicherheitskräfte, die das Gelände des Konsulats schützen sollten, erschossen, überrollt, in die Flucht geschlagen. Die Angreifer drangen auf das Gelände vor, setzten das Hauptgebäude in Brand. Zum Zeitpunkt des Angriffs sollen sich etwa zwei Dutzend Menschen auf dem Gelände befunden haben, den meisten gelang die Flucht. In dem brennenden Hauptgebäude befanden sich Botschafter Stevens, der Informatiker Sean Smith und ein Sicherheitsbeamter des Außenministeriums. In dem Chaos wurden die drei Männer getrennt, Stevens floh offenbar auf das Dach. Der Sicherheitsbeamte konnte aus dem Gebäude entkommen und kehrte kurz darauf mit einem weiteren Sicherheitsmann in das brennende Hauptgebäude zurück, wo sie Smith nur noch tot bergen konnten.

          Tief betroffen: Präsident Obama und Außenministerin Clinton sprechen am Mittwoch zu den Mitarbeitern des Außenministeriums.

          Ein Versuch der amerikanischen Sicherheitsleute, das Gelände wieder unter Kontrolle zu bringen, scheiterte gegen 22.30 Uhr. Die kleine Sicherheitsmannschaft und das verbleibende Personal verschanzten sich in einem Nebengebäude, wo sie gut zwei Stunden lang beschossen wurden. Dabei kamen zwei weitere Amerikaner - vermutlich Sicherheitsleute - ums Leben, drei weitere wurden verletzt. Die Angreifer konnten erst nach zwei Uhr morgens vertrieben werden, nachdem Einheiten der libyschen Polizei den Eingeschlossenen zu Hilfe gekommen waren.

          Was mit Botschafter Stevens geschah, wie er zu Tode kam und wer ihn schwer verletzt oder schon leblos ins Krankenhaus von Benghasi brachte, ist unklar. Jedenfalls soll Stevens dort gegen ein Uhr nachts eingetroffen sein, die Ärzte konnten ihn nicht wiederbeleben, als Todesursache wurde Rauchvergiftung genannt. Auf einem Foto scheint Stevens zu sehen zu sein, wie er von Unbekannten offenbar aus dem Konsulat geschleppt wird, sein Gesicht ist rußverschmiert, man erkennt aber auch eine Wunde am Kopf. Erst eine Autopsie wird Klarheit bringen können. Inzwischen wurden die sterblichen Überreste der vier getöteten Amerikaner über das rheinland-pfälzische Ramstein in die Vereinigten Staaten geflogen, die Verletzten werden im amerikanischen Militärhospital in Landstuhl behandelt.

          Im Wahlkampf angekommen

          Der republikanische Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus Mike Rogers sagte in der Nacht zum Donnerstag in Washington, das Konsulat in Benghasi sei „bei einem genau koordinierten Angriff mit schweren Waffen“ überrannt worden. Es gebe zahlreiche Indizien, dass der Angriff von langer Hand geplant gewesen sei. Die Republikaner in beiden Kammern des Kongresses wollen möglichst bald bei Anhörungen die Hintergründe der Vorfälle aufklären - schließlich könnte es sich um einen der schwersten Terrorangriffe seit „9/11“ handeln.

          Stevens, der seit seiner Ernennung zum Botschafter vom Mai dieses Jahres in der Botschaft in Tripolis residierte, war nach Angaben des Außenministeriums zu einem Routinebesuch in Benghasi. Warum er sich ausgerechnet am Jahrestag der Anschläge ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen in einem nur unzureichend gesicherten Konsulat aufhielt, ist rätselhaft. Anders als bei Botschaften gibt es in Konsulaten keine Schutztruppe des amerikanischen Marinekorps, die einen Angriff wie jenen vom Dienstagabend womöglich hätten abwehren können. Außerdem ist der Osten Libyens - zumal die Stadt Derna etwa 200 Kilometer östlich von Benghasi - als Hochburg bewaffneter islamistischer Gruppen bekannt. Auf das amerikanische Konsulat in Benghasi war schon am 5. Juni ein Bombenanschlag verübt worden, der wohl nicht zufällig auf den Tag des Besuches eines ranghohen amerikanischen Diplomaten fiel; bei dem Anschlag wurde niemand verletzt. Tags darauf wurden zwei Leibwächter des britischen Botschafters bei einem Feuerüberfall auf dessen Konvoi in Benghasi schwer verletzt.

          Der getötete Botschafter Christopher Stevens im vergangenen Jahr in Benghasi

          Vieles spricht dafür, dass die Angreifer über die Sicherheitslage im amerikanischen Konsulat genau im Bilde waren. Und wahrscheinlich wussten sie auch, dass der Botschafter in der Stadt war und sich im Konsulat aufhielt. Außenministerin Hillary Clinton machte für den Angriff von Benghasi eine „kleine, grausame Gruppe“ verantwortlich. Das Verteidigungsministerium entsandte eine Einheit von 50 Soldaten des Marinekorps an die Botschaft in Tripolis. Die Zerstörer „USS Laboon“ und „USS McFaul“ wurden vor die libysche Küste verlegt.

          Der Angriff von Benghasi hat längst die amerikanische Innenpolitik und den Präsidentenwahlkampf erreicht. Die oppositionellen Republikaner sagen, die Behauptung von Präsident Barack Obama und seiner Sicherheitsberater sei widerlegt, wonach Al Qaida nach dem Tod Bin Ladins und angesichts der verheerenden Drohnenangriffe gegen führende Mitglieder des Terrornetzes faktisch geschlagen sei; der Krieg gegen den Terrorismus sei eben noch lange nicht vorüber, auch wenn er nach der Terminologie der Regierung Obama nicht mehr so heißen dürfe. Außerdem zeigten die Vorfälle der vergangenen Tage von Ägypten über Jemen und Tunesien bis nach Libyen, dass Terrororganisationen jederzeit antiamerikanische Proteste lostreten könnten, um in deren Schatten Anschläge vorzubereiten oder zu verüben: Der Trailer zu dem obskuren islamfeindlichen Video, das die Proteste ausgelöst haben soll, sei schon seit Juli im Internet zu sehen und erst kurz vor dem Jahrestag von „9/11“ als Zündsatz der antiamerikanischen Empörung aktiviert worden. Schließlich bringen sie das Argument vor, dass Obamas Politik des Ausgleichs und der ausgestreckten Hand gescheitert sei: Antiamerikanische Ressentiments in der arabischen und muslimischen Welt hätten trotz Obamas Versöhnungsgesten zugenommen.

          Ob der Anschlag von Benghasi und die anhaltenden antiamerikanischen Proteste im Wahlkampf dem Präsidenten oder dessen republikanischem Herausforderer Mitt Romney helfen werden, ist noch nicht abzusehen. Romney sagte am Mittwoch, es sei „niemals zu früh für eine amerikanische Regierung, Gewalttaten gegen Amerikaner zu verdammen und unsere Werte zu verteidigen“. Obama wies den Vorwurf Romneys mit den Worten zurück, sein Herausforderer habe die Angewohnheit, „erst zu schießen und dann zu zielen“.

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