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Anschlag in Libyen : Die Handschrift von Dschihadisten

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Stevens, der seit seiner Ernennung zum Botschafter vom Mai dieses Jahres in der Botschaft in Tripolis residierte, war nach Angaben des Außenministeriums zu einem Routinebesuch in Benghasi. Warum er sich ausgerechnet am Jahrestag der Anschläge ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen in einem nur unzureichend gesicherten Konsulat aufhielt, ist rätselhaft. Anders als bei Botschaften gibt es in Konsulaten keine Schutztruppe des amerikanischen Marinekorps, die einen Angriff wie jenen vom Dienstagabend womöglich hätten abwehren können. Außerdem ist der Osten Libyens - zumal die Stadt Derna etwa 200 Kilometer östlich von Benghasi - als Hochburg bewaffneter islamistischer Gruppen bekannt. Auf das amerikanische Konsulat in Benghasi war schon am 5. Juni ein Bombenanschlag verübt worden, der wohl nicht zufällig auf den Tag des Besuches eines ranghohen amerikanischen Diplomaten fiel; bei dem Anschlag wurde niemand verletzt. Tags darauf wurden zwei Leibwächter des britischen Botschafters bei einem Feuerüberfall auf dessen Konvoi in Benghasi schwer verletzt.

Der getötete Botschafter Christopher Stevens im vergangenen Jahr in Benghasi

Vieles spricht dafür, dass die Angreifer über die Sicherheitslage im amerikanischen Konsulat genau im Bilde waren. Und wahrscheinlich wussten sie auch, dass der Botschafter in der Stadt war und sich im Konsulat aufhielt. Außenministerin Hillary Clinton machte für den Angriff von Benghasi eine „kleine, grausame Gruppe“ verantwortlich. Das Verteidigungsministerium entsandte eine Einheit von 50 Soldaten des Marinekorps an die Botschaft in Tripolis. Die Zerstörer „USS Laboon“ und „USS McFaul“ wurden vor die libysche Küste verlegt.

Der Angriff von Benghasi hat längst die amerikanische Innenpolitik und den Präsidentenwahlkampf erreicht. Die oppositionellen Republikaner sagen, die Behauptung von Präsident Barack Obama und seiner Sicherheitsberater sei widerlegt, wonach Al Qaida nach dem Tod Bin Ladins und angesichts der verheerenden Drohnenangriffe gegen führende Mitglieder des Terrornetzes faktisch geschlagen sei; der Krieg gegen den Terrorismus sei eben noch lange nicht vorüber, auch wenn er nach der Terminologie der Regierung Obama nicht mehr so heißen dürfe. Außerdem zeigten die Vorfälle der vergangenen Tage von Ägypten über Jemen und Tunesien bis nach Libyen, dass Terrororganisationen jederzeit antiamerikanische Proteste lostreten könnten, um in deren Schatten Anschläge vorzubereiten oder zu verüben: Der Trailer zu dem obskuren islamfeindlichen Video, das die Proteste ausgelöst haben soll, sei schon seit Juli im Internet zu sehen und erst kurz vor dem Jahrestag von „9/11“ als Zündsatz der antiamerikanischen Empörung aktiviert worden. Schließlich bringen sie das Argument vor, dass Obamas Politik des Ausgleichs und der ausgestreckten Hand gescheitert sei: Antiamerikanische Ressentiments in der arabischen und muslimischen Welt hätten trotz Obamas Versöhnungsgesten zugenommen.

Ob der Anschlag von Benghasi und die anhaltenden antiamerikanischen Proteste im Wahlkampf dem Präsidenten oder dessen republikanischem Herausforderer Mitt Romney helfen werden, ist noch nicht abzusehen. Romney sagte am Mittwoch, es sei „niemals zu früh für eine amerikanische Regierung, Gewalttaten gegen Amerikaner zu verdammen und unsere Werte zu verteidigen“. Obama wies den Vorwurf Romneys mit den Worten zurück, sein Herausforderer habe die Angewohnheit, „erst zu schießen und dann zu zielen“.

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