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Anschlag in Kandahar : Die Spur führt zu den Koranschülern

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Zwei Tage nach der Verabschiedung der neuen afghanischen Verfassung ist am Dienstag eine Bombe inmitten der südafghanischen Stadt Kandahar explodiert. Dem Anschlag fielen mehr als zehn Zivilisten, darunter einige Kinder, zum Opfer.

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          Zwei Tage nach der Verabschiedung der neuen afghanischen Verfassung, die dem vom langjährigen Bürgerkrieg geschundenen Land Frieden und Stabilität bringen soll, ist am Dienstag eine Bombe inmitten der südafghanischen Stadt Kandahar explodiert. In der ehemaligen Hochburg der Taliban fielen dem Anschlag nach offiziellen Angaben mehr als zehn Zivilisten, darunter einige Kinder, zum Opfer. Es seien die Taliban gewesen, hieß es aus Regierungskreisen.

          Der Verdacht ist begründet. Seit Monaten gibt es in den südlichen und östlichen Provinzen des Landes blutige Attentate, deren Spur immer zu den Taliban, den Koranschülern, führt. Ziele sind die amerikanischen Stützpunkte, die westlichen Hilfsorganisationen oder Regierungseinrichtungen. Der Schauplatz der mörderischen Aktivitäten sind die Provinzen Kandahar, Zabul, Helmand und Uruzgan. Die Region ist von Paschtunen besiedelt und liegt unweit der pakistanischen Grenze.

          Unheilige Allianz gegen den Frieden

          Die Raketenangriffe auf Kabul hingegen, die afghanische Hauptstadt, dürften das Werk der Hisb-e Islami, der Islamischen Partei, gewesen sein. Ihr Führer, Gulbuddin Hekmatyar, einst der mächtigste aller Mudschahedinführer, hat mehrmals das "muslimische Volk" gegen "die Kreuzritter" zum Dschihad, dem "Heiligen Krieg", aufgerufen. Seine Anhänger, ehemalige Mudschahedin, fallen anders als die Taliban oder die Al-Qaida-Anhänger in der afghanischen Hauptstadt nicht auf.

          Entwaffnung in Afghanistan - nicht alle Gruppen beteiligen sich
          Entwaffnung in Afghanistan - nicht alle Gruppen beteiligen sich : Bild: REUTERS

          Am Hindukusch gibt es also eine unheilige Allianz gegen den Frieden. Daß es dem amerikanischen Kontingent von 10 000 Mann nicht gelingt, der Lage im Süden Herr zu werden, kommt nicht von ungefähr. Die "heiligen Krieger" kommen über die unwegsamen Berge aus Pakistan in das afghanische Nachbarland, schlagen zu und verschwinden wieder dahin, wo sie hergekommen sind. Dort, in der pakistanischen Nordwestprovinz wie im pakistanischen Belutschistan, haben sie ihre Stützpunkte.

          Gegen die „Handlanger Karzais"

          Zur Zeit ist die Stadt Quetta, die Verwaltungsstadt in Belutschistan, die nur 30 Kilometer von der afghanischen Grenze entfernt liegt, die Hochburg der Taliban. Sie sitzen, wie Augenzeugen berichten, in Gruppen in den Moscheen, predigen Haß gegen die Amerikaner und deren "Handlanger Karzai" oder marschieren mit ihrer weißen Fahne bei antiamerikanischen Demonstrationen mit. Ihr Führer Mullah Mohammad Omar, genannt "Fürst der Gläubigen", soll schon mehrfach in Quetta gesehen worden sein.

          Unterstützt werden die weißgewandeten Zeloten von dem "Vereinigten Aktionsrat", einem Zusammenschluß von sieben Parteien der pakistanischen Fundamentalisten. Diese sitzen seit den Wahlen vor einem Jahr, aus denen sie als Sieger hervorgegangen waren, in den beiden nördlichen Provinzen Pakistans, wo pakistanische Paschtunen und Belutschen beheimatet sind, an den Schalthebeln der Macht. Die pakistanischen Eiferer können es nicht verwinden, daß "die Kreuzritter", wie sie die Alliierten nennen, in ihrem Nachbarland die Zügel in der Hand haben.

          "Engelscharen werden vom Himmel herabsteigen“

          Von den sieben fundamentalistischen Gruppen ist die „Versammlung der Rechtsgelehrten des Islam" die eigentliche Schirmherrin der Taliban. In ihren unzähligen Schulen entlang der afghanischen Grenze wurden einst die Koranschüler, die Söhne paschtunischer Flüchtlinge aus dem Süden des Landes, ausgebildet. Die theologische Hochschule "Haqqania" in Akora Chatak, einer kleinen Ortschaft sechzig Kilometer vom pakistanischen Peschawar entfernt, gilt als Ursprung der Talibanbewegung. Acht ehemalige Minister der Taliban und eine Vielzahl ihrer Kommandanten sind hier in der sunnitischen Rechtgläubigkeit ausgebildet worden.

          Der Leiter der Hochschule ist Maulana Sami ul-Haq. Der paschtunische Mullah ist einer der beiden Führer der "Versammlung der Rechtsgelehrten des Islam". Sami ul-Haq sieht keineswegs wie ein grimmiger Fundamentalist aus. Er ist ein jovialer Mann, ein Manager des Heiligen Kriegs mit einer ausgesprochen blumigen Sprache. "Engelscharen werden vom Himmel herabsteigen und den ehrwürdigen Taliban zum Siege verhelfen", sagte er dieser Zeitung. Schon oft habe eine Schar von Muslimen, dürftig bewaffnet, die mächtigen Reiche der Welt in Schutt und Asche gelegt.

          Geistiges Band zwischen Taliban und Al-Qaida

          "Engelscharen" indes traten in Gestalt der pakistanischen Geheimdienstler auf. Nach wie vor versorgen sie die Taliban mit Waffen und leisten ihnen logistische Hilfe. Viele von ihnen sind vom Geist der "Deobandi" beseelt. Die Deobandi-Bewegung, Ende des 19. Jahrhunderts in Indien entstanden, ist ein subkontinentales Pendant zu dem Wahhabismus der puristischen sunnitischen Richtung, die im saudischen Königreich die Staatsreligion bildet.

          So ist die Deobandi das geistige Band zwischen den Taliban und den Al-Qaida-Anhängern. Soll also im Süden Afghanistans Frieden hergestellt werden, muß der fundamentalistische Sumpf jenseits des Khyberpasses ausgetrocknet werden. Doch allzu großen Druck können die Amerikaner auf Islamabad nicht ausüben. Schickt der General Musharraf seine Soldaten in die nördlichen Provinzen des Landes, riskiert er einen Bürgerkrieg. Schon jetzt gilt er dort wegen seiner Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten als Verräter. Kürzlich entkam er nur knapp zwei Bombenattentaten.

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