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Anschlag in Jerusalem : Rückfall in dunkle Zeiten

Ein israelischer Ermittler vor dem zerstörten Bus in Jerusalem Bild: REUTERS

Seit 2004 hatte es in Israel keinen Anschlag mehr auf einen Bus gegeben. Nun kehrt die Angst zurück. Die Spannungen zwischen Israel und den Palästinensern waren zuletzt gestiegen.

          3 Min.

          Der dumpfe Knall war in der Stadt kilometerweit zu hören. An den Straßen Jerusalems hängten Mitarbeiter der Stadtverwaltung gerade Fahnen für den großen Marathon-lauf am Freitag auf. Auch über dem grünen Linienbus der Linie 74 flatterten Flaggen im kalten Wind. Nicht weit vom zentralen Busbahnhof entfernt hatte die Explosion den Egged-Bus am frühen Nachmittag gestoppt und Erinnerungen an Tage wachgerufen, die viele Jerusalemer am liebsten für immer aus ihrem Gedächtnis tilgen würden.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Ohne lange darüber nachzudenken, besteigen die meisten Einwohner der Stadt längst wieder die Busse, die während der zweiten Intifada wegen der zahllosen Attentate als lebensgefährlich galten. Jerusalem ist eine arme Stadt und für viele sind die heruntergekommenen Busse das einzige bezahlbare Transportmittel.

          Wie in den schlimmsten Terrortagen dauerte es am Mittwoch nur wenige Minuten, bis eine Flotte von Rettungswagen und Feuerwehrautos mit heulenden Sirenen den Bus umringte. Ein Hubschrauber kreiste sofort über der mehrspurigen Straße, die eine der wichtigsten Zufahrten in die Stadt ist. Während Sanitäter die 25 Verletzten bargen, suchten Polizisten fieberhaft nach weiteren Sprengsätzen. Sie herrschten Passanten an, sich vom Tatort zu entfernen. Zeitweise machte das Gerücht die Runde, im gut einen Kilometer entfernten Sacher-Park habe es eine zweite Explosion gegeben.

          Ein israelischer Polizist sucht mit einem Spürhund die Umgebung des Anschlags ab, beobachtet von ultra-orthodoxen Juden.

          Raketenangriffe auf Beerscheva

          Der Bus selbst wirkte äußerlich kaum zerstört. Nur zerborstene Scheiben waren zu sehen. Erste Ermittlungen legten die Vermutung nahe, dass der Sprengsatz in einer Tasche versteckt war und nicht von einem Selbstmordattentäter gezündet wurde. Die Bombe sei wohl nicht in dem Bus, sondern in einer Telefonzelle an der Bushaltestelle deponiert worden, hieß es aus der Polizei. Nach einer knappen Stunde zeichnete sich dann ab, dass es mehr als 20 Verletzte gegeben hatte. Noch am Nachmittag erlag eine 60 Jahre alte Frau ihren Verletzungen. Sanitäter bezeichneten den Zustand weiterer Verwundeter als „kritisch“.

          Sofort begannen Spekulationen darüber, wer das erste Attentat in Jerusalem auf einen Bus seit Februar 2004 verübt haben könnte; damals waren acht Menschen umgekommen. Seit gut zwei Jahren hatte es in der Stadt keine Terroranschläge mehr gegeben: In den Jahren 2008 und 2009 hatten palästinensische Einzeltäter mit Radladern versucht, israelische Zivilisten anzugreifen. 2008 tötete ein bewaffneter Palästinenser zudem mehrere Schüler einer jüdischen Religionsschule.

          Erst am Donnerstagmorgen hatte jedoch die Terrororganisation „Islamischer Dschihad“ Israel mit neuer Gewalt gedroht. Die Kämpfer würden nun nicht mehr nur Orte im Süden mit Raketen beschießen, sondern auch in Städten im Landesinnern zuschlagen, teilte die Gruppe mit. Am Morgen hatten Dschihad-Mitglieder die südisraelische Stadt Beerscheva mit zwei Grad-Raketen angegriffen. Bis zum Abend reagierten nur die „Volkswiderstandskomitees“ in Gaza, ein Zusammenschluss mehrerer Terrorgruppen. Sie bezeichneten die Explosion in Jerusalem als Reaktion auf „israelische Verbrechen“ im Gazastreifen, ohne sich der Tat ausdrücklich zu bezichtigen.

          Am Freitag werden 10.000 Menschen zu einem Marathon erwartet

          Am Dienstag waren dort bei israelischen Luftangriffen acht Palästinenser ums Leben gekommen. Das jüngste Opfer unter mehreren Zivilisten war erst elf Jahre alt. Schon vor der Eskalation im Gazastreifen hatten sich nach dem Mord an fünf Mitgliedern einer Siedlerfamilie im Westjordanland vor zehn Tagen die Spannungen zwischen Palästinensern und Israelis erhöht. In Jerusalem erinnerte man sich zudem an einen bislang ungeklärten Vorfall im Stadtteil Har Homa jenseits der Grünen Linie. Dort hatte vor gut zwei Wochen ein Angestellter der Stadt seine Hand verloren, als eine Bombe in einem Müllbehälter explodierte.

          Bis zum Abend beriet die israelische Regierung über die jüngste Entwicklung. Ministerpräsident Netanjahu saß im Flugzeug und wollte gerade von Tel Aviv nach Moskau fliegen, als die Bombe explodierte. Er verschob seine Abreise um mehrere Stunden. Der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barakat rief die Bürger der Stadt auf, wachsam zu sein, aber so schnell wie möglich wieder in ihren Alltag zurückzukehren. Für Stadtverwaltung und Sicherheitskräfte kommt der Rückfall in die Terrorvergangenheit zu einem schwierigen Zeitpunkt. Anfang April soll die neue Trambahn zum ersten Mal Fahrgäste befördern. Ihre Schienen verlaufen nicht weit vom Anschlagsort entfernt. Am Freitag will Bürgermeister Barakat selbst an der Spitze des ersten internationalen Marathons durch Jerusalem laufen, zu dem sich bis zum Mittwochmittag gut 10.000 Sportler angemeldet hatten.

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